Joonas Sildre

Zwischen zwei Tönen

Aus dem Leben des Arvo Pärt, aus dem Estnischen von Maximilian Murmann

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Voland & Quist
erschienen in: das Orchester 12/2022 , Seite 61

Die neugieri­gen Augen des kleinen Jun­gen sind so rund wie die Punk­te, die um ihn schweben. Es sind die Noten, die er aus dem Radio hört und später ein­mal selb­st erschaf­fen wird. So ein­dringlich set­zt Joonas Sil­dre schon den ganz jun­gen Arvo Pärt ins Bild, in ein­er mehrfach ungewöhn­lichen Biografie des est­nis­chen Kom­pon­is­ten. Der Comicze­ich­n­er und Illus­tra­tor, eben­falls aus Est­land stam­mend, hat rund um dessen Leben und Werk eine Graph­ic Nov­el geschaffen.
Zwei wesentliche Stilele­mente, die mal geschwun­genen, mal zornig geza­ck­ten Noten­lin­ien sowie schwarze und weiße Punk­te für die Töne, ziehen sich durch die mehr als 200 anre­gen­den Seit­en. Doch diese begin­nen mit einem düsteren Pro­log: Ein leicht gebeugter Mann steigt eine steile, weiße Lin­ie empor, nach dem Umblät­tern ste­ht er am Ende, auf der Spitze des Strichs und schaut hin­unter. „End­los­er Weg nach Gol­gatha“ nen­nt Sil­dre diese Bild­folge, der eine glück­liche Kind­heit fol­gt. Der Mut­ter fällt eine Note in die Schürze, ehe ihr Gesang vom Brun­nen vor dem Tore luftig schwin­gende Lin­ien von ihrem Kind aus­ge­hen lässt. Ab jet­zt bes­tim­men die Sehn­sucht nach Musik und die Suche nach dem Instru­ment dafür die Graph­ic Nov­el und Pärts Leben.
Mit spitzem Fin­ger ent­lockt der Knabe einem Riesen­klavier Tönepunk­te, die noch größer wer­den, als er Liszt im Radio hört. Schnell will er Kom­pon­ist wer­den, „aber ein ander­er“; den Wehr­di­enst leis­tet er im Mil­itärorch­ester, schlägt die Trom­mel, weil man „mit einem Klavier schlecht marschieren kann“. Damit schle­ichen sich in die aus­drucksstarken, nur mit den notwendig­sten Lin­ien geze­ich­neten Szenen die ersten Schat­ten ein. Est­land hat im Zweit­en Weltkrieg auch gegen die Vere­in­nah­mung durch die Sow­je­tu­nion gekämpft – eine bit­tere, hierzu­lande kaum bekan­nte Par­al­lele zu heute.
Als die Sire­nen endlich nicht mehr dro­hen, son­dern klin­gen, wen­det sich auch Pärt wieder der Musik zu. Doch bei einem Laien­wet­tbe­werb wird seine Kom­po­si­tion als „wed­er sozial­is­tisch noch nation­al“ abges­traft. Hier zeich­net ­Sil­dre verknif­f­ene, spitz­gesichtige Funk­tionäre, die das Leben des Kom­pon­is­ten for­t­an bedrän­gen und zu bes­tim­men ver­suchen. Mit seinem Tal­ent, auch Gestik und Mimik in knap­pen Bild­se­quen­zen „sprechen“ zu lassen, bildet er Pärts schwieri­gen Weg ab. Von der ver­pön­ten Zwölfton­tech­nik zurück zu Klas­sis­cherem sucht Pärt die ide­ale Musik und find­et sie in der Reli­gion. Ab hier kann, wer will, tief in Pärts Gedanken- und Glaubenswelt ein­steigen, die auch in Sil­dres Zeich­nun­gen immer mehr von ortho­dox­en Klöstern, Sara-Motiv­en und der Suche nach inbrün­stig-ein­stim­mi­gen Melo­di­en geprägt sind. Da geht dem Zeich­n­er dann doch einiges von der nöti­gen Dis­tanz ver­loren, mit der er noch den Rauswurf Arvo Pärts aus der Sow­je­tu­nion iro­nisch wiedergibt: Da filzen Zöll­ner seine Kof­fer unter Kirchenfenstern.
Ute Grundmann