Volle Konzentration vor dem Konzert – das geht nur, wenn man entspannt ankommt und nicht gehetzt aus dem verspäteten Zug steigen muss/ © Gert Mothes

Marco Frei

Zwischen Wunschdenken und Realität

Wie umweltschonend, sozialverträglich und praxistauglich ist Klimaneutralität?

Rubrik: Thema
erschienen in: das Orchester 9/2022 , Seite 17

In Süddeutschland positionieren sich zwei Klangkörper als Klimabotschafter. Das Stuttgarter Kammerorchester hat laut eigenen Angaben als erstes deutsches Orchester eine Klimaneutralität erreicht. Vor zwei Jahren wiederum wurden die Münchner Philharmoniker mit dem „Ökoprofit“-Zertifikat ausgezeichnet. Auch im Rahmen der bundesweiten Initiative „Orchester des Wandels“ sind die Münchner auf diesem Gebiet eine treibende Kraft. Das alles klingt gut, trotzdem bleiben Fragezeichen.

Die Mel­dung aus Baden-Würt­tem­berg macht hell­hörig. Im Früh­jahr 2022 verkün­det das Stuttgarter Kam­merorch­ester, dass es als „erstes Orch­ester in Deutsch­land die Kli­ma­neu­tral­ität“ erre­icht habe. Damit übernehme der Klangkör­p­er eine „Vor­re­it­er­rolle bei der drin­gend gebote­nen Neugestal­tung der kul­turellen Prax­is hin zu mehr Nach­haltigkeit“. Wie man das konkret erre­icht hat? Indem zunächst ein­mal der Ist-Zus­tand grundle­gend analysiert wurde.

Vom Kleinen ins Große

Mit Hil­fe ein­er spezial­isierten Unternehmens­ber­atung wur­den sämtliche Aktiv­itäten des Orch­esters eben­so in den Blick genom­men wie der ökol­o­gis­che Fußab­druck der eingekauften Güter und Dien­stleis­tun­gen“, heißt es in ein­er Pressemit­teilung. Selb­st die CO2-Emis­sio­nen des Pub­likums seien berück­sichtigt wor­den. Die Eval­u­a­tion dieser Bestand­sauf­nahme startete im Novem­ber 2021. Das Ergeb­nis: „In den Jahren 2022, 2023 und 2024 wer­den sich die CO2-Emis­sio­nen des Stuttgarter Kam­merorch­esters hochgerech­net auf jew­eils 420 Ton­nen belaufen“, heißt es.
Mit 89 Prozent schlage dem­nach der Bere­ich Ver­anstal­tun­gen inklu­sive Mobil­ität und Über­nach­tun­gen beson­ders zu Buche, gefol­gt von zehn Prozent in der Ver­wal­tung und einem Prozent im Man­age­ment. Alles wird unter die Lupe genom­men: nicht nur der Konz­ert­be­trieb samt Spiel­stät­ten, son­dern eben­so die Infra­struk­tur der Büros, die Pro­duk­tion und der Ver­sand der Print-Erzeug­nisse, die Anfahrt zu den Proben, Konz­erten und Meetings.

Ver­mei­den und Eins­paren vor Kom­pen­sieren“ lautet die Devise. Eine „pauschale Strate­gie“ habe es nicht gegeben, son­dern „sehr viele, klein­teilige Maß­nah­men“. „Sämtliche Arbeits­bere­iche wur­den auf umwelt­fre­undlichere Alter­na­tiv­en hin abgek­lopft.“ Die Büroräume speis­ten sich durch Fer­n­wärme und Ökostrom, gedruckt werde auf Blauer-Engel-Papi­er, der Ver­sand der Pub­lika­tio­nen erfolge CO2-frei, die Mitarbeiter:innen wür­den beim Wech­sel auf umwelt­fre­undliche Mobil­ität umfan­gre­ich unter­stützt. Gle­ichzeit­ig beteilige sich das Stuttgarter Kam­merorch­ester an Auf­forstung­spro­gram­men – auch als Kom­pen­sa­tion­sleis­tung für Emis­sio­nen, die eventuell nicht zu ver­mei­den sind.

Nicht zulet­zt set­zt das Orch­ester auf Tech­nik. So sind die Stuttgarter stolz darauf, als erstes Orch­ester in Deutsch­land ganz auf dig­i­tale Noten umgestellt zu haben: von Papi­er zu Tablets. Außer­dem soll 2023 erst­mals ein „Holo­gramm-Konz­ert“ real­isiert wer­den. Dabei wer­den das Stuttgarter Kam­merorch­ester und das Tschechis­che Nation­al­bal­lett gle­ichzeit­ig von zwei Län­dern aus spie­len, live verknüpft und miteinan­der ver­bun­den durch ein Holo­gramm. Die son­st notwendi­gen Reisen sollen damit über­flüs­sig werden…

 

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