Aerni, Heinrich

Zwischen USA und Deutschem Reich

Hermann Hans Wetzler (1870 - 1943), Dirigent und Komponist

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2015
erschienen in: das Orchester 11/2015 , Seite 72

In den ersten Jahrzehn­ten des 20. Jahrhun­derts, bis zu Beginn der Nazi-Herrschaft, genoss Her­mann Hans Wet­zler in den deutschsprachi­gen Län­dern Europas sowie in den USA, deren Staats­bürg­er er war, dur­chaus eine über­durch­schnit­tliche Bekan­ntheit – und zwar als Diri­gent eben­so wie als Kom­pon­ist. Als jedoch sein Nach­lass im Jahr 2006 der Zen­tral­bib­lio­thek Zürich übergeben wurde, war sein Name so gut wie vergessen. Hein­rich Aerni hat es über­nom­men, das Kon­vo­lut zu sicht­en und anhand von zahlre­ichen Briefen und Rezen­sio­nen, aber auch der Kom­po­si­tio­nen Wet­zlers ein umfassendes Lebens­bild des Musik­ers zu zeich­nen.
Der 1870 in Frank­furt geborene Wet­zler war, dies wird bei der Lek­türe von Anfang an klar, ein unruhiger Geist. Er wuchs in den USA auf. Zum Studi­um zurück­gekehrt nach Deutsch­land, erhielt er in Frank­furt Unter­richt von Clara Schu­mann und Engel­bert Humperdinck. Wieder zurück in Ameri­ka, grün­dete er die „Wet­zler Sym­pho­ny Con­certs“, in deren Rah­men Richard Strauss’ Sin­fo­nia domes­ti­ca uraufge­führt wurde. Als Diri­gent ver­suchte er sich anschließend in Deutsch­land und der Schweiz, und er kehrte in die USA zurück, wo er 1943 starb. Wo immer er wirk­te – als Sta­tio­nen seien Ham­burg, Riga, Lübeck und Köln genan­nt –, gelang es ihm stets, Fre­und­schaften zu knüpfen, aber auch eben­so regelmäßig anzueck­en: bei The­ater­in­ten­dan­ten, denen sein ide­al­is­tis­ches Wesen fremd blieb, vor allem aber bei Orch­ester­musik­ern und Kri­tik­ern, die seine unklare Schlagtech­nik bemän­gel­ten. Seine Kom­po­si­tio­nen erfreuten sich in den Zwis­chenkriegs­jahren vor allem bei kon­ser­v­a­tiv gesin­nten Musik­fre­un­den
ein­er gewis­sen Beliebtheit und wur­den von Diri­gen­ten wie Hans Knap­perts­busch und Arturo Toscani­ni aufge­führt; die Kri­tik jedoch bemän­gelte – nicht ganz zu Unrecht – ihre eklek­tizis­tis­che Grund­hal­tung. Und let­ztlich stand sich Wet­zler, wie Aerni aus­führt, auch oft selb­st im Weg, fühlte sich stets missver­standen und reagierte des Öfteren undiplo­ma­tisch. Von seinen kom­ponieren­den Zeitgenossen ließ er zudem so gut wie nie­man­den gel­ten.
Es spricht sehr für Aer­nis Arbeit, dass er die zahlre­ichen Brüche in Wet­zlers Leben und Charak­ter her­ausar­beit­et, ohne Partei zu ergreifen.
Im eben­so reich­halti­gen wie flüs­sig geschriebe­nen biografis­chen Teil ist Wet­zlers Werde­gang, von seinen ersten Auftrit­ten als musikalis­ches Wun­derkind bis zu seinem Tod, umfassend doku­men­tiert. Es schließt sich ein äußerst instruk­tives Kapi­tel zu Wet­zlers Bedeu­tung als Diri­gent an. Ein weit­er­er Abschnitt des Buchs befasst sich mit den Kom­po­si­tio­nen Wet­zlers, vor allem den Orch­ester­w­erken und der einzi­gen Oper Die bask­ische Venus. Im Anhang schließlich find­en sich ein Werkverze­ich­nis, Lis­ten mit Wet­zlers Reper­toire als Diri­gent und Pianist sowie zahlre­iche Noten­beispiele. So ist nicht nur eine schillernde Fig­ur der Vergessen­heit entris­sen wor­den, son­dern der Leser erfährt auch viel Wis­senswertes über das Musik­leben jen­er Jahre, vor allem über den All­t­ag an den Opern­häusern in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg.
Thomas Schulz