Isolde Schmid-Reiter (Hg.)

Zwischen Revolution und Bürgerlichkeit

Beaumarchais' Figaro-Trilogie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Conbrio, Regensburg
erschienen in: das Orchester 10/2019 , Seite 59

Der Autor: Uhrma­ch­er, Jour­nal­ist, Han­dels­mann, Spi­on, Gefäng­nisin­sasse, Pam­phletist, Finanzjon­gleur – und Dra­matik­er; seine Haupt­fig­ur Figaro: ver­gle­ich­bar kun­ter­bunt – und Opern­sänger. All dem ver­suchte 2013 ein Beau­mar­chais-Sym­po­sium der Wiener Musik­the­at­er­akademie beizukom­men. Denn Der Bar­bi­er von Sevil­la, Der tolle Tag und La Mère coupable haben über die Schaus­piel- auch die Opern­bühne erobert und sind über heutige Zeitungsna­men hin­aus auch mit Melo­di­en in die All­ge­mein­bil­dung einge­gan­gen. Der Band begin­nt klas­sisch, mit einem Beitrag von Jean-Pierre de Beau­mar­chais, einem Nachkom­men, der die wohl gefährlich­ste Waffe seines Ahnen benen­nt: „Wit alone a change may bring“ – Spott und Lächer­lichkeit sind das, was Mächtige am meis­ten fürcht­en. Über bei­des ver­fügte der Dra­me­nau­tor und zog so Kom­pon­is­ten an, die das aufk­lärerische und „sys­temkri­tis­che“ Poten­zial schätzten. Hier ist dem Wiener Uni­ver­sität­spro­fes­sor Michele Cal­lela zu wider­sprechen, der ver­sucht, her­aus­ra­gende sozial- oder poli­tikgeschichtliche Ereignisse als Zugeständ­nisse an den „linken“ Zeit­geist abzu­tun. Der­lei Attack­en und Ent­larvun­gen müssen jedoch als „prä-rev­o­lu­tionär“ anerkan­nt wer­den. Die übri­gen neun Auf­sätze brin­gen Gewinn: Figaro als hil­fre­ich­er Bar­bi­er, als Kam­mer­di­ener und Intri­ge­nent­larv­er wird in allen drei Werken durch­leuchtet; ver­schiedene Ver­to­nun­gen zwis­chen Paisiel­lo und Mil­haud wer­den analysiert; eine Fülle von Querver­weisen öffnet selb­st Werk­fre­un­den bis­lang unbekan­nte Aspek­te und Verzwei­gun­gen von The­men und Fig­uren. Den Hor­i­zont erweit­ert etwa David Cran­mers Essay zu Mar­cos Anto­nio Por­tu­gals por­tugiesis­ch­er Hochzeit des Figaro, die zum venezian­is­chen Karneval 1799 bis 1800 sieben­mal aufge­führt wurde. Zu bedauern ist, dass die weit­er­führen­den Ver­to­nun­gen von Gisel­her Klebe (Figaro lässt sich schei­den, Ham­burg 1963) und Inger Wik­ström (Den brottsli­ga mod­ern, Sol­na 1992) nicht eben­so einge­hend unter­sucht wer­den. Lediglich Thier­ry Pécou (L’amour coupable, Rouen 2010) referiert Leitlin­ien sein­er Ver­to­nung. Mit großem Gewinn liest sich Hilde Haiders „Roman der Fam­i­lie Alma­vi­va“. Beau­mar­chais träumte selb­st von ein­er Auf­führung der Figaro-Alma­vi­va-Werke an drei auf­einanderfolgenden Aben­den. Haiders durchgängige Entwick­lungslin­ien beleben diesen Wun­sch; ihre Par­al­le­lent­deck­un­gen in den südamerikanis­chen Telen­ov­e­las bis zur deutschen TV-Serie Sturm der Liebe frap­pieren. Einen weit­eren Höhep­unkt bildet Sieghart Döhrings Essay über John Coriglianos The Ghosts of Ver­sailles, 1991 an der New York­er Met­ro­pol­i­tan Opera uraufge­führt. Döhring beein­druckt durch klare Sprache, ver­ständliche Analyse der kom­plex­en, weil oft filmis­chen Dra­maturgie und Kom­po­si­tion­sweise sowie durch bestechende dra­matur­gis­che Einord­nung. Der Band lässt mit Per­so­n­en-, Werk- und Rol­len­verze­ich­nis tief in die Figaro-Welt Beau­mar­chais’ blick­en und ist somit ein über­ra­gen­der Werk­führer.
Wolf-Dieter Peter