Inna Klause/Christoph- Mathias Mueller (Hg.)

Zwischen Gewandhaus und Gulag: Alexander Weprik und sein Orchesterwerk

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Harrassowitz
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 62

Diese Veröf­fentlichung doku­men­tiert. Auf Deutsch und Englisch find­en sich biografis­che Texte und musikalis­che Werk­analy­sen samt Noten­ma­te­r­i­al. Auf Rus­sisch kann man Briefe von Weprik im Orig­i­nal und in englis­ch­er Über­set­zung lesen.
Alle Beiträge zusam­men doku­men­tieren, was auf dem inter­na­tionalen Sym­po­sium “Dem Vergessen entris­sen. Sym­phonis­che Musik von Alexan­der Weprik” im Dezem­ber 2018 in Han­nover dargelegt und disku­tiert wor­den ist. Die Ver­anstal­tung „sollte dazu beitra­gen, die Musik des jüdis­chen Kom­pon­is­ten Alexan­der Weprik, der in den 1920er Jahren als eine der größten Hoff­nun­gen der jun­gen Sow­jet- union galt und anschließend durch eben diesen Staat gebrochen wurde, wieder ins all­ge­meine Bewusst­sein zurück­zu­holen.“
In der jun­gen Sow­je­tu­nion sprossen kühne Ideen und Exper­i­mente in Kun­st und Kul­tur reich­lich: Neue Musik, Film, Malerei, Lit­er­atur und Gesellschaft­skonzepte über­rascht­en und begeis­terten ganz Europa. Die Sow­je­tu­nion war Avant­garde. Und lud die Avant­garde zu Gast. In Moskau und Leningrad wur­den Werke von Bartók, Krenek und Schön­berg aufge­führt. Allerd­ings nur solange, bis die Poli­tik ab 1929 anf­ing, die Kul­tur für ihre eige­nen Zwecke und Absicht­en zu benutzen und sie – neb­st ihren Schöpfern – zurecht­stutzte. Das war der „Große Umbruch“. Im Auf­bruch hinge­gen stand eine Bewe­gung im Zen­trum, deren Wurzeln im 19. Jahrhun­dert und im Denken der Roman­tik­er liegen: die Folk­lore.
Deren Rolle ist ambiva­lent. Ein Krisenkind. Die Renais­sance der Folk­lore war europaweit die Antwort auf kriegerische Auseinan­der­set­zun­gen und erwachen­des Selb­st­be­wusst­sein als Nation. Das war in Nor­we­gen, Schwe­den, Spanien, Tschechien, Polen und Rumänien nicht anders als in Rus­s­land und in der Sow­je­tu­nion ab 1917 – dem Jahr der Okto­ber­rev­o­lu­tion. Ambiva­lent ist die immer mal wieder stat­tfind­ende Wiederge­burt der Folk­lore deshalb, weil sie – zur Erneuerung – zurückschaut und Ursprünge sucht, um das jew­eils Eigene und Echte ein­er Nation zu find­en und weil die poli­tis­chen Kräfte dieser Natio­nen eben das aus­nutzen, um mit Worten und Waf­fen den Kampf gegen andere Natio­nen aufzunehmen.
Weprik hat­te 1926 in der Moskauer Zeitschrift für Musikaus­bil­dung einen Artikel mit dem Titel „Renais­sance der Folk­lore“ veröf­fentlicht. Im sel­ben Jahr war in Öster­re­ich schon ein Text mit dem­sel­ben The­ma erschienen, auf den Weprik sich bezo­gen hat. Der Russe machte seinen Stand­punkt in der Neuen Musik deut­lich: neo­folk­loris­tisch und gegen die Wiener Schule. Und er hob die jüdis­che Musik als eine beson­ders wertvolle Quelle für das rus­sis­che Selb­stver­ständ­nis her­aus.
Die jüdis­che Tra­di­tion mit den syn­a­gogalen Weisen und Liedern hat im Kon­text des vielgestalti­gen, europaweit­en Folk­loris­mus denn auch vor allem in Sow­jet-Rus­s­land große Aufmerk­samkeit gefun­den. Wer sich für das The­ma inter­essiert, bekommt mit diesem Buch viel geboten.

Kirsten Lin­de­nau