Nohr, Karin / Sebastian Leikert (Hg.)

Zum Phänomen der Rührung in Psychoanalyse und Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Psychosozial-Verlag, Gießen 2016
erschienen in: das Orchester 12/2016 , Seite 58

In seinen let­zten Leben­s­jahren hat Joseph Haydn täglich die kleine Kaiser­melodie – unsere Hymne – für sich selb­st zur Freude auf dem Klavier gespielt. Und je älter er wurde, desto mehr rührte sie ihn zu Trä­nen. Diese starke innere Bewe­gung hat ihn ver­wun­dert und – ein wenig geniert. Denn sie schien ihm ein Aus­druck von Schwäche zu sein.
Damit hat er dur­chaus ins Schwarze getrof­fen. Doch was kann sie son­st noch alles sein und vor allem: Was ist Rührung dem Wesen nach ? Ist sie über­haupt erforschbar und the­o­riefähig? Ihre Unter­suchung lohnt sich jeden­falls, denn es han­delt sich um einen See­len- und Kör­perzu­s­tand, den ver­mut­lich jed­er Men­sch ken­nt. Und oft gar nicht so gern mag, weil er ver­rä­ter­isch ist.
In dem vor­liegen­den Band der Deutschen Gesellschaft für Psy­cho­analyse und Musik beschäfti­gen sich neun Autoren mit dem „Phänomen Rührung“; ein Gespräch zum Ein­stieg in die Materie tra­gen die bei­den Her­aus­ge­ber dazu bei. Aus der Fülle der Emo­tio­nen, die die Musik im Men­schen aus­löst, hat­te Karin Nohr den „Affekt Rührung“ sein­er Beson­der­heit wegen zum The­ma eines psy­cho­an­a­lytis­chen Sym­po­sions gemacht.
Das Erleb­nis von Bachs Matthäus­pas­sion hat­te sie einst selb­st über die Schwelle zur Erwach­se­nen getra­gen. Die starke Rührung, ja, Über­wäl­ti­gung bildete, wie sie es gedeutet hat, gle­ich­sam die Ini­ti­a­tion in die größere Welt der Kul­tur und führte her­aus aus der kleineren Welt der Fam­i­lie. Zudem – vielle­icht nur Werbe­sprache, doch trotz­dem auf­schlussre­ich – war ihr die Prax­is im Kul­turbe­trieb aufge­fall­en, Wörter wie rührend, berührend, ergreifend, über­wälti­gend und begeis­ternd sehr oft zu ver­wen­den, sowohl zur Kennze­ich­nung von Musik­in­ter­pre­ta­tio­nen als auch zur Charak­ter­is­tik von Lit­er­atur und Fil­men.
Durch Rührung – zeit­gemäß gesagt: durch das Being moved – wer­den „Erfahrun­gen nicht­sprach­lich­er Form, die im Kör­pergedächt­nis gespe­ichert“ sind, wirk­sam und streuen über ein weites Feld von Gefühlen: Sehn­sucht, Glück, Ent-Span­nung, aber auch Sen­ti­men­tal­ität, Selb­st-Mitleid, Rührseligkeit. Die Kun­st als Kraft zu beschreiben, die die Seele bewegt und den Ennui ban­nt, klingt in unseren Ohren etwas alt­modisch. Die mod­erne Ästhetik spricht anders und fol­gt eher dem Pro­gramm von Eduard Hanslick, doch bitte aus der dun­klen Herrschaft des Gefühls her­auszukom­men, um zu ver­ste­hen.
Mit dem Phänomen Rührung ist man ganz auf der sub­jek­tiv­en Seite, und die Kun­st wird oft Funk­tion. Durch „schöne Stellen“, durch Dynamik, durch Tem­pi, Wieder­hol­ung oder durch poet­is­che Sprache„macht sie etwas“ mit den Men­schen.
Die Autoren näh­ern sich dem The­ma bre­it, unter anderem über Lit­er­atur, die über Musik spricht; die Neu­ro­bi­olo­gie von Emo­tio­nen; Mozarts Sonate KV 448 in tiefen­hermeneutis­ch­er Betra­ch­tung; einen essay­is­tis­chen Text und über einen sehr guten Beitrag über „GEFÜHL (sic!) und Musik“ im All­ge­meinen. Viele Per­spek­tiv­en und manche Ein­sicht!
Kirsten Lin­de­nau