© Carus-Verlag

Ute Grundmann

Zum Jubiläum wird gesungen

Der Carus-Verlag feiert sein 50-jähriges Bestehen

Rubrik: Zwischentöne
erschienen in: das Orchester 6/2022 , Seite 41

Ob Gre­go­ri­anik oder Pop, Ora­to­ri­um oder Shan­ty – sin­gen kann man alles, was im Stuttgarter Carus-Ver­lag erscheint. Allerd­ings sel­ten solo, son­dern meist in Gemein­schaft: Chöre sind seit 50 Jahren Kern und Herzstück der Edi­tio­nen und Pub­lika­tio­nen. Mit Cho­ris­si­mo wird das Sin­gen­ler­nen der Jüng­sten bis zur weit­er­führen­den Schule begleit­et und gefördert; aber auch, wer den richti­gen Ton sucht, find­et Rat: mit der Übe-App Carus-music.
Gefeiert wird das Ver­lagsju­biläum am 3. Juni – und mit ihm der Klang men­schlich­er Stim­men. Das Fes­tkonz­ert in Stuttgart, dem Grün­dung­sort des Ver­lags, gestal­tet der Kam­mer­chor Stuttgart unter seinem Grün­der und Leit­er Frieder Bernius. Er ini­ti­ierte 1968 das Sän­gerensem­ble, um mit ihm auf dem tech­nis­chen und kün­st­lerischen Niveau zu musizieren, das bestens aus­ge­bildete Orch­ester­musik­er zu bieten hat­ten. Vier Jahre später grün­de­ten Chor­leit­er Gün­ter Graulich und seine Frau Wal­traud Graulich den Carus-Ver­lag und begleit­eten und unter­stützten so auch die Entwick­lung der Chor­musik in West­deutsch­land. „Anfang der 1970er Jahre hat­te sich die Chor­musik in Deutsch­land noch nicht voll­ständig von den Fol­gen des Zweit­en Weltkriegs erholt. Viele Chöre befan­den sich noch im Auf­bau und sucht­en nach einem geeigneten Reper­toire.“ So beschreibt Johannes Graulich diese Anfangsphase des Ver­lags, den er heute, gemein­sam mit Ester Petri, leit­et. Anto­nio Vivald­is Glo­ria in D‑Dur RV 589 für Chor und Orch­ester war die erste Carus-Aus­gabe, zugle­ich die erste wis­senschaftlich-kri­tis­che Notenedi­tion dieses Werks. Ein Best­seller ist sie bis heute.
In dieser Grün­dungszeit war vor allem die roman­tis­che Chor­musik noch weit­ge­hend uner­schlossen, bedeu­tende Kom­pon­is­ten wie Felix Mendelssohn Bartholdy wur­den nicht (mehr) geschätzt, auch dies eine Folge der Nazi-Zeit. So wurde der roman­tis­che Bere­ich ein erster Schw­er­punkt, mit Mendelssohn-Urtext-Aus­gaben und der Rhein­berg­er-Gesam­taus­gabe. Par­al­lel brachte Frieder Bernius diese Werke wieder zum Klin­gen; auch die Chor­w­erke des Bach­schülers Got­tfried August Homil­ius sowie von Kom­pon­is­ten wie Jan Dis­mas Zelen­ka oder Louis Spohr fan­den durch „Kri­tis­che Aus­gaben“ und mehrere Ein­spielun­gen ihren heute fes­ten Platz im Reper­toire. Im Jahr 2009 wurde der Carus-Ver­lag für diese Ver­di­en­ste mit dem Tele­mann-Preis ausgezeichnet.
Dabei hat­te und hat man im Ver­lag das Ohr immer nah bei den Chorsängern und ‑leit­ern, tauscht sich weltweit mit ihnen aus, richtet die Ange­bote nach deren Bedürfnis­sen. So bee­in­flusste etwa auch die Alte Musik und die Entwick­lung der his­torisch informierten Auf­führung­sprax­is den Anspruch, wie ein Chor klin­gen sollte: „Der Chork­lang ist heute schlanker, vibra­toärmer und auch dif­feren­ziert­er“, so Graulich, „viele Sän­gerin­nen und Sänger nehmen pri­vat Gesang­sun­ter­richt, was wiederum der Ensem­blear­beit zugutekommt.“ Für bei­des wird gut ediertes Noten­ma­te­r­i­al für Chöre und Orch­ester gebraucht – und von Carus geboten.
Dass der Ver­lag aber keineswegs in der Ver­gan­gen­heit unter­wegs ist, zeigen die bei­den Urauf­führun­gen im Jubiläum­s­jahr. Da wer­den Auf­tragswerke des dänis­chen Kom­pon­is­ten John Hoy­bye und seines argen­tinis­chen Kol­le­gen Martín Palmeri erst­mals erklin­gen. 45000 Werke aus fünf Jahrhun­derten, mehr als 750 Klavier­auszüge, Urtexte, Chor­büch­er für Kirchenchöre bei­der großer Kon­fes­sio­nen sowie für Kammer­chöre – all das find­en die derzeit mehr als drei Mil­lio­nen Men­schen, die in einem Chor sin­gen, ob beru­flich oder in der Freizeit. Zu Jazz- und Pop-Ensem­bles haben sich inzwis­chen auch Schwu­len‑, Les­ben- sowie Flüchtlingschöre gesellt.
Beson­dere Aufmerk­samkeit wid­met man den jun­gen und jüng­sten Sängern und ihrem Weg in die Chorge­mein­schaft. Mit der Bene­fizini­tia­tive „Lieder­pro­jekt“ kon­nte man viele Sing-Unterne­h­­mungen in Deutsch­land möglich machen. Aber man reagierte auch auf die Weit­er­en­twick­lun­gen der ver­gan­genen 50 Jahre in den Kinder- und Jugend­chören. Dazu gehört kindgerechte Stimm­­bildung eben­so wie ein neues Reper­toire, das diesen Alters­grup­pen bess­er ent­ge­genkommt. Starke Chöre haben sich zu einem wichti­gen Zen­trum im Musik­leben der Schulen entwick­elt, durch Mu­­sicals und Singspiele kam für diese Altersstufen der szenis­che zum musikalis­chen Bere­ich hinzu.
Aber natür­lich sind die Coro­na- und Pan­demie-Jahre wed­er am Ver­lag und seinen 47 Mitar­beit­ern noch an den Chören spur­los vor­beige­gan­gen. Gravierende wirtschaftliche Ein­bußen waren für Carus die Kon­se­quenz. Mit­tels staatlich­er Unter­stützung­spro­gramme kon­nte man die Dig­i­tal­isierung im Bere­ich der Chor­musik vorantreiben. Die Chöre, gle­ich welch­er Größe oder musikalis­ch­er Aus­rich­tung, hat­ten unter Singver­boten, ges­per­rten Übungs- und Auftrittsorten, aus­bleiben­den Ein­nah­men zu lei­den. Um darüber Genaueres zu erfahren und Hil­fen zu ermöglichen, ini­ti­ierte der Ver­lag im ver­gan­genen Jahr die ChoCo-Studie: 4300 Chöre aus Deutsch­land, Öster­re­ich und der Schweiz beant­worteten Fra­gen zu ihrer Sit­u­a­tion, anhand dieser Analyse kon­nte man die öffentlichen Entschei­dungsträger über die Sit­u­a­tion der Chöre informieren. Das hat sich­er auch die Gestal­tung von Förder­pro­gram­men wie „Neustart Ama­teur­musik“ und „Impuls“ im Rah­men des „Neustarts Kul­tur“ erleichtert.
Auch der Deutsche Chorver­band set­zte „ein wichtiges Sig­nal“, als er 2022 zum „Jahr der Chöre“ machte und „so öffentlich die Bedeu­tung und vor allem die pos­i­tive Wirkung des Sin­gens wieder ins Bewusst­sein aller“ gerückt habe, freut sich Ester Petri. In diesem Jahr nun hat man die Chöre in den drei deutschsprachi­gen Län­dern wieder um ein Bild ihrer Lage gebeten, mit Fra­gen wie: Was hat sich im Ver­gle­ich zum ersten Pan­demie­jahr verän­dert, welche För­der­maß­nah­men wur­den angenom­men, welche vielle­icht nicht, und welche Unter­stützung braucht es im Jahr 2022? Die Antworten auf die Stu­di­en-Fra­gen wer­den wieder von Kathrin Schlem­mer und Susanne Lot­ter an der Katholis­chen Uni­ver­sität Eich­stätt aus­gew­ertet, die Ergeb­nisse sollen bald vorliegen.

www.carus-verlag.com