Fazıl Say

Yürüyen Köşk

Das verschobene Haus, Hommage à Atatürk für Klavierquintett

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 11/2018 , Seite 64

Fazıl Say gehört längst zu den erfol­gre­ich­sten und inter­es­san­testen Kom­pon­is­ten der Gegen­wart. Gle­ichzeit­ig wird er als Aus­nah­mepi­anist des 21. Jahrhun­derts beze­ich­net, gelingt es ihm doch, seine bedeu­tungsvoll-inten­sive Ton­sprache eben­so in seinem kün­st­lerischen Klavier­spiel in ein­er einzi­gar­tig-authen­tis­chen Weise aufleucht­en zu lassen.
Das pro­gram­ma­tisch angelegte Klavierquin­tett schildert in vier mu­sikalischen Bildern – „Enlight­en­ment“, „Strug­gle against Dark­ness“, „Believ­ing in Life“, „Plane Tree“ – eine Begeben­heit um den Grün­der der türkischen Repub­lik, Kemal Atatürk. Der Staats­grün­der zeigt hierin seinen behut­samen Umgang mit der Natur, was sich auch in der musikalis­chen Aus­druck­sweise des Kom­pon­is­ten wider­spiegelt. So kor­re­spondiert der pro­gram­ma­tis­che Hin­ter­grund der Geschichte eng mit den ver­wen­de­ten musikalis­chen Stilmit­teln wie dem Umgang mit leicht vari­ierten Wieder­hol­un­gen in Rhyth­men und Melo­di­en, so als gelte es, etwas zu bewahren.
Auch wenn hier­bei Erin­nerun­gen an impres­sion­is­tisch-rhyth­mis­che, bisweilen dis­so­nant-per­lende oder auch helle und unruhig-schwir­rende Ele­mente beispiel­sweise aus Rav­els Alb­o­ra­da del gra­cioso auf­tauchen, so drängt sich doch nie der Ein­druck ein­er Nachah­mung auf. Dies gilt auch für den ver­fremde­ten Ein­satz musikalis­ch­er Ele­mente aus der türkischen Volksmusik, bei denen man unwillkür­lich an Bartók denkt, vor allem dann, wenn gle­ichzeit­ig rhyth­misch-präg­nante und trom­me­lar­tige Bass-Osti­nati mit darüber liegen­den reich verzierten melis­me­nar­ti­gen Melo­di­en ein­set­zen, die frei von jed­er metrisch gebun­de­nen Form erscheinen. Oder es tauchen orna­men­tiert-kla­gende Melodiefrag­mente auf, die immer wieder leicht verän­dert wer­den und oft mit rhyth­misch präg­nan­ten Ein­schüben wech­seln.
Ins­ge­samt ist es eine (Spiel-) Freude, die Vielfalt an rhyth­mis­chen, melodis­chen und har­monis­chen Ein­fällen, ver­bun­den mit musikalisch-vir­tu­osen Nuancierun­gen zu ent­deck­en, die nicht nur nebeneinan­dergestellt wer­den, son­dern sich ger­adezu auf natür­liche Weise entwick­eln. So ergibt sich ein stim­miges, pro­gram­ma­tisch-span­nen­des und musikalisch-aus­sagekräftiges Gesamt­bild.
Zweifel­los fällt dem Klavier eine tra­gende Rolle zu. Dies wird schon auf­grund des Hin­weis­es deut­lich, dass der Klavier­part als eigen­ständi­ge Rhap­sodie für Klavier solo aufge­führt wer­den kann. Doch wenn sich auch in den Klavier­stim­men die einzel­nen Stre­ich­er­stim­men oft wiederfind­en, dürfte den­noch bei der Solover­sion die Klang­far­ben­vielfalt nur eingeschränkt wahrzunehmen sein, vor allem dann, wenn bei­de Vari­anten dem Hör­er oder Spiel­er bekan­nt sind. Darüber hin­aus existieren ver­schiedene Orch­ester­fas­sun­gen für Klavier und Stre­i­chorch­ester bzw. Holzbläs­er, Schlagzeug, Klavier und Stre­ich­er.
Man kann nur hof­fen, dass dieses inspiri­erende Werk in den unter­schiedlich­sten Beset­zun­gen den Weg auf die Konz­ert­büh­nen find­en wird.
Roma­ld Fis­ch­er