Shang, Peilei

Yin

für Flöte und Klavier, Spielpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2017
erschienen in: das Orchester 09/2017 , Seite 70

„Musik soll vital, kun­stvoll und ver­ständlich sein. Als prak­tik­a­bel möge sie den Inter­pre­ten für sich gewin­nen, als erfass­bar sodann den Hör­er“ (Har­ald Genzmer, 1978). An diesen Kri­te­rien ori­en­tiert sich der seit 2010 im Zwei­jahreszyk­lus von der Hochschule für Musik und The­ater München in Verbindung mit „Jugend musiziert“/Deutscher Musikrat für wech­sel­nde Kam­mer­musik­for­ma­tio­nen aus­geschriebene Har­ald-Genzmer-Kom­po­si­tion­swet­tbe­werb. Das Ziel des Wet­tbe­werbs ist es, „die Verbindung hoher spiel­musikalis­ch­er Prak­tik­a­bil­ität mit inno­v­a­tiv­en ästhetis­chen Vorstel­lun­gen zu prämieren“.
Die beim Wet­tbe­werb 2016 mit dem ersten Preis gekrönte Kom­po­si­tion Yin der in Ham­burg studieren­den Chi­nesin Peilei Shang verkör­pert diese Maxime in ger­adezu ide­al­er Weise: Das an tra­di­tionelle chi­ne­sis­che Musik erin­nernde Werk für Flöte und Klavier nimmt den Zuhör­er mit auf eine äußerst span­nende Reise in faszinierende Klang­wel­ten, die durch ein mit neuen Spiel­tech­niken bestens ver­trautes Instru­men­tal­is­ten­duo in den Raum geza­ubert wer­den. Aus flim­mern­den Klangüber­lagerun­gen entwick­elt sich ein far­ben­re­ich­er Fluss des atmo­sphärisch Med­i­ta­tiv­en, in den immer wieder behut­sam einge­bet­tete Klang­ef­fek­te neue Nuan­cen und Schat­tierun­gen hinein­brin­gen. Liest sich die aus prak­tis­chen Grün­den dop­pelt vor­liegende Par­ti­tur trotz großzügig­sten Drucks aus struk­turellen Grün­den bisweilen kom­pliziert, so wird sich das auf Neue Musik spezial­isierte Instru­men­tal­duo sich­er schnell in die sorgfältig erstell­ten Spielan­weisun­gen einar­beit­en, um zu ein­er faszinierend ruhi­gen und äußerst fried­voll wirk­enden musikalis­chen Gestal­tung dieses ästhetisch höchst ansprechen­den Werks zu gelan­gen. Das par­tiell prä­pari­erte Klavier schlüpft hier­bei klan­glich immer wieder in das Gewand der Qin, einem alten klas­sis­chen chi­ne­sis­chen Sait­enin­stru­ment. Die sieben­sait­ige, heute Guqin genan­nte Zither mit ein­er Geschichte von 3000 Jahren gilt als das Inst-
rument der Gelehrten, der Maler und Dichter, Philosophen und Herrsch­er. Die Spiel­tech­nik und Klangge­bung der Flöte wiederum soll an das eben­falls altehrwürdi­ge chi­ne­sis­che Instru­ment Xiao erin­nern – eine Langflöte aus Bam­bus, die ins­beson­dere bei bud­dhis­tis­chen Mönchen als Med­i­ta­tion­sin­stru­ment gespielt wurde.
Der gedankliche Über­bau, der Yin als Vernei­gung vor dem Atem ural­ter chi­ne­sis­ch­er Tra­di­tion erscheinen lässt, überträgt sich durch eine der Musik innewohnende große Würde fes­sel­nd auf den geneigten Zuhör­er. Für die Inter­pre­ten dieses faszinieren­den Werks wird sich­er der Weg das Ziel sein: Vom Blatt lässt sich die Kom­po­si­tion nicht „mal eben“ schnell spie­len; aber die Auseinan­der­set­zung mit Peilei Shangs musikalis­chen Gedanken ist aus­ge­sprochen lohnend! Weit fort­geschrit­tene, ern­sthaft ambi­tion­ierte Schüler wird man mit dieser Kom­po­si­tion betrauen kön­nen – so man sie nicht gle­ich selb­st für ein bevorste­hen­des Konz­ert vor­bere­it­et.
Christi­na Humen­berg­er