Gustav Mahler

Wunderhorn-Lieder/ Symphony No. 10

Michael Volle (Bariton), Münchner Philharmoniker, Ltg. Christian Thielemann

Rubrik: CDs
Verlag/Label: MPHIL0007
erschienen in: das Orchester 09/2018 , Seite 76

Zu Mahler, so kön­nte man unken, ist alles gesagt (was natür­lich nicht stimmt), nur noch nicht von allen. Wahr ist indes, dass man sich etwas Beson­deres ein­fall­en lassen muss, um mit Mahler-Auf­nah­men heute Aufmerk­samkeit zu erre­gen. Man kann es zum Beispiel so machen wie Chris­t­ian Thiele­mann: ein­fach so lange nicht Mahler dirigieren, bis alle über­rascht sind, wenn man es doch tut. Das ist jeden­falls der Tenor der Reak­tio­nen auf die aktuelle CD Thiele­manns im Label sein­er Münch­n­er Phil­har­moniker – und auf einige Mahler-Konz­erte in den ver­gan­genen Monat­en.
Chris­t­ian Thiele­mann ist bekan­nt als Klangza­uber­er, als Apolo­get des Mis­chk­langs, Spezial­ist für Wag­n­er, für einen eige­nen Bruck­n­er-Stil und far­bige Brahms-Sin­fonien. Wie ist nun sein Mahler? Zunächst: welch­er Mahler? Für diese CD aus­ge­sucht hat er Orch­ester­lieder aus Des Knaben Wun­der­horn und das Ada­gio aus der 10. Sin­fonie – wenn man so will, kein Main­stream-Mahler. Das Herzstück der CD ist ganz klar das unver­gle­ich­liche Ada­gio. Doch zunächst zu den Wun­der­horn-Liedern, deren Inter­pret Michael Volle (ein renom­miert­er Bari­ton) im Book­let lei­der keine Biografie gewid­met ist – ein gehöriger Faux­pas, bedenkt man, dass er den über­wiegen­den Teil der Auf­nahme bestre­it­et.
Musikalisch ste­hen die Inter­pre­ten, wie im Grunde bei allen Orch­ester­liedern, vor ein­er para­dox­en Sit­u­a­tion: Sie müssen deren sin­fonis­ches Vol­u­men in Ein­klang brin­gen mit dem ganz inti­men Inhalt. Genau daran krankt die Ein­spielung schließlich auch: Die Texte wer­den sen­si­bel gedeutet, doch ist der ins­ge­samt mul­mige Gesamtk­lang nicht trans­par­ent genug für Mahlers feine, teil­weise skur­rile Instru­men­ta­tion­skun­st.
Mi­chael Volle kann sich über das Orch­ester erheben und erre­icht wun­der­bare zornige Momente („Lied des Ver­fol­gten im Turm“), lässt auch das Urlicht inniglich leucht­en. Ins­ge­samt aber muss er zu oft forcieren, singt zu wolkig, zu indi­rekt. Ähn­lich agieren die Münch­n­er Philharmoni­ker. Das hat man schon bess­er gehört.
Wie zu erwarten gelingt Thiele­mann beim 25 Minuten lan­gen Ada­gio aus der unvol­len­de­ten 10. Sin­fonie eine kon­se­quentere Lesart – die freilich stark abwe­icht von der viel­er ander­er Diri­gen­ten, die um klan­gliche Askese bemüht sind. Für Thiele­mann ist diese Zehnte weniger ein Ende der großen roman­tis­chen Sin­fonik, eine her­rliche Zer­fallser­schei­n­ung, son­dern eine Apoth­e­ose des Rausches, eine Tris­tan und Isol­de-Sin­fonie ohne Worte.
Da bleibt dann lei­der das Schräge an Mahler, die Abbil­dung der Welt mit all ihren schö­nen und hässlichen Seit­en, etwas auf der Strecke – manch­mal lei­der auch etwas die Präzi­sion. Doch man erlebt galante Melodik und fast unhör­bare Piani, ger­adezu orgiastis­che Steigerun­gen, wie sie vielle­icht keine andere Ein­spielung bietet. Allein dafür lohnt es sich, diese CD zu hören. Geigen schreien in höch­ster Not (doch wie sauber!), Clus­ter brechen here­in, ein einzel­ner Trompe­ten­ton bleibt ste­hen und hängt in der Luft wie ein Wan­der­er über einem Abgrund. Schließlich ein unendlich zarter Schluss in makel­los­er Rein­heit.
Johannes Kil­lyen