Jean Françaix

Works for Wind

Orchestre de Chambre de Lausanne, Ltg. Nicolas Chalvin

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Claves
erschienen in: das Orchester 05/2022 , Seite 71

Eine deutsch-franzö­sis­che Entente ver­schaffte der blasenden Zun­ft eine Rei­he zün­den­der Reper­toirestücke für dop­pelt beset­ztes Bläserquin­tett (je zwei Flöten, Oboen, Klar­inet­ten, Fagotte und Hörn­er). Vom Mainz­er Ver­lagshaus des Kom­pon­is­ten angeregt, entwick­elte sich zwis­chen Jean Françaix (1912–1997) und dem vor­ma­li­gen Diri­gen­ten des Mainz­er Bläserensem­bles, Klaus Rain­er Schöll, eine langjährige Fre­und­schaft. Sie brachte sowohl bestechende Arrange­ments als auch geist­blitzende Eigen­schöp­fun­gen des Fran­zosen her­vor: einen Reper­toireschatz ersten Ranges, den sich die famosen Bläser­solis­ten des Lau­san­ner Orchestre de Cham­bre unter Leitung von Nico­las Chalvin glück­lich zu eigen machten.
Unter dem ver­führerischen Titel Musique pour faire plaisir, der Maxime seines Schaf­fens, bear­beit­ete Françaix 1984 auf Schölls Vorschlag vier Klavier­w­erke seines Lands­man­ns Fran­cis Poulenc, die das Lau­san­ner Kam­merorch­ester nun qua­si als Mot­to an die Spitze seines vergnüglichen, mal auch san­ft betrüben­den CD-Recitals set­zte: Valse (1919), Élégie (1959), Mélan­cholie (1940) und Embar­que­ment pour Cythère (1951). Die Elegie und die Ein­schif­fung nach Kythera ver­sah er mit kurzen Ein­leitun­gen, die bei­den mit­tleren Stücke ver­schränk­te er raf­finiert zur weltschmer­zlichen Stimmungseinheit.
Diesen meis­ter­lichen Arrange­ments – man sollte eher von schöpferischen Aneig­nun­gen sprechen – fol­gt ein Dreierblock hin­reißen­der Orig­i­nal­w­erke aus der Fed­er des Kom­pon­is­ten, der den farb­schillern­den Kirchen­fen­stern Olivi­er Mes­si­aens und den seriellen Fal­tenwür­fen Pierre Boulez’ eine Musik ent­ge­gen­blies, die an Schmetter­lingstänze im Som­mer­wind denken lässt. Die Neuf pièces car­ac­téris­tiques (1973) sind ein neun­teiliges Fres­co voller Kühn­heit, Witz und Humor, tän­del­nd zwis­chen sehn­süchtigem Liebesver­lan­gen im 5/8‑Takt, ver­wun­sch­en­em Not­turno der Klar­inet­ten und neck­isch stam­mel­n­dem Leg­gieris­si­mo der Flöten – rhyth­mis­ches Vex­ier­spiel, luftgeboren.
Die fol­gen­den Sept dans­es (1970), sein­er Bal­lettmusik Les mal­heurs de Sophie (1948) entlehnt, gle­ichen Tänzen auf der Nadel­spitze. Sie spiegeln einzelne Episo­den ein­er Erzäh­lung der franzö­sis­chen Schrift­stel­lerin Comtesse de Ségur aus dem Jahr 1864: Das Pup­pen­spiel, Begräb­nis der Puppe (eine Trauer­marsch-Par­o­die), Vorstel­lung der besten Fre­unde (non­cha­lant und zwielichtig), Vari­a­tion de Paul (der Frohnatur des nahen Cousins gewid­met), Pas de deux (träumerisch­er Paar­tanz von Sophie und Paul), Teestunde (voll auf­schwin­gen­der Motive) und Tanz der Schmetter­lingsnet­ze (vir­tu­os­er Bläserwirbel).
Die abschließende Élegie pour com­mé­mor­er le bicen­te­naire de la mort de W. A. Mozart (1990) gibt sich der Trauer über den frühen Tod Mozarts vor damals 200 Jahren hin, den Françaix als „Katas­tro­phe für die Musik­welt“ empfand.
Der Rest des hin­reißend geblase­nen Pro­gramms führt zurück in die hohe Kun­st des humori­gen „Arrang­ierens“, die Françaix dies­mal dem Cortège bur­lesque von Emmanuel Chabri­er, drei Écos­saisen neb­st fünf Volk­slied­vari­a­tio­nen Chopins und drei Mil­itär­märschen Schu­berts anträgt.
Lutz Lesle