Leonard Bernstein

Wonderful Town

Danielle de Niese (Sopran), Alysha Umphress (Mezzosopran), David Butt Philip (Tenor), Nathan Gunn/ Duncan Rock (Bariton), Ashley Riches (Bassbariton), London Symphony Chorus, London Symphony Orchestra, Ltg. Simon Rattle

Rubrik: CDs
Verlag/Label: LSO Live
erschienen in: das Orchester 1/2019 , Seite 70

Wenn man die zum 100. Geburt­stag von Leonard Bern­stein gesende­ten Fernseh-Porträts und -Do­ku­men­tationen gese­hen hat, wird klar, warum der Musik­er vor allem als Diri­gent in Erin­nerung bleibt. Bei sein­er Arbeit mit Orch­estern faszinierte er wie kein ander­er: Es ist unver­gle­ich­lich, wie er etwa die Wiener Phil­har­moniker im Finale von Haydns Sin­fonie Nr. 88 schmun­zel­nd nur mit den Augen „dirigiert“ oder wie er gegebe­nen­falls auf dem Diri­gen­ten­podi­um – oft bis zum Gren­zw­er­ti­gen – tanzt und gestikuliert. Doch Bern­stein hat gelit­ten unter der man­gel­nden Anerken­nung sein­er Kom­po­si­tio­nen, nicht nur bei den Hör­ern, son­dern auch in punk­to Präsenz in Konz­ert­pro­gram­men. Eigentlich seien all seine Werke in gewiss­er Weise The­ater­musik, hat er gesagt, vielle­icht stolz mit Blick auf den Wel­ter­folg West Side Sto­ry.
Mit dem Musi­cal Won­der­ful Town, als „musikalis­che Komödie“ beze­ich­net, set­zte er die Rei­he sein­er 1944 mit On the Town begonnenen Büh­nen­stücke fort. Won­der­ful Town ist mit fünf Tony Awards aus­geze­ich­net wor­den und war ein inter­na­tionaler Erfolg. Zum Auf­takt des Bern­stein-Jubiläums 2018 set­zte die Staat­sop­erette Dres­den das Stück auf den Spielplan, und Simon Rat­tle, der das Musi­cal 1999 im Stu­dio und 2002 live in Berlin bei einem Sil­vesterkonz­ert aufgenom­men hat­te, legt jet­zt den hier besproch­enen Mitschnitt von 2017 mit dem Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra aus dem Bar­bi­can Cen­tre in Lon­don vor.
Am Beginn der CD kön­nte man meinen, man hätte verse­hentlich die Auf­nahme mit ein­er Swing-Big­band aufgelegt. Und tat­säch­lich kommt zum großen klas­sis­chen Orch­ester das ganze Instru­men­tar­i­um ein­er Jaz­zfor­ma­tion hinzu mit einem fün­fköp­fi­gen Sax­o­fon­satz. Noch stärk­er beset­zt ist der Chor mit mehr als 120 Stim­men neben 13 Solis­ten.
Die Ouvertüre zeigt sich als kon­trastre­ich­er Vor­griff auf die Erleb­nisse von Eileen (Danielle de Nie­se) und Ruth (Alysha Umphress), also der bei­den frisch in New York City angekomme­nen Schwest­ern aus der Prov­inz. Die hüb­sche Eileen, die Schaus­pielerin wer­den möchte, und die intellek­tuelle Ruth, die eine Kar­riere als Autorin anstrebt, ver­lieben sich bei­de in den Redak­teur Bob Bak­er (Nathan Gunn). Auch dies wird angedeutet mit lyrisch-roman­tis­chen Untertö­nen. Schließlich: Nach Prob­le­men von Ruth als unbe­holfene Repor­terin und Eileen im Kon­flikt mit der Polizei wegen Ruh­estörung gibt es ein Hap­py End: Let­ztere wird ent­deckt, Erstere und Mr. Bak­er wer­den ein Paar.
Bern­stein der The­ater­musik­er, der Melodik­er, der Songkom­pon­ist begeis­tert uns beim kam­mer­musikalisch begleit­eten „Ohio“ mit den Kind­heitserinnerungen der Schwest­ern, beim operetten­haft keck­en „A Lit­tle Bit in Love“, beim fet­zi­gen „Con­ga!“ des von Simon Halsey geleit­eten vital­en Chors. Das Gesam­torch­ester hat im „Entr’acte“ noch ein­mal unsere ganze Aufmerk­samkeit. Da es bere­its eine DVD von Rat­tle gibt neben ver­schiede­nen CDs, ist diese neue CD allerd­ings keine echte Bere­icherung.
Gün­ter Buh­les