Eleonore Büning

Wolfgang Rihm. Über die Linie

Die Biographie

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Benevento
erschienen in: das Orchester 7-8/2022 , Seite 62

Eine Biografie über einen leben­den Kom­pon­is­ten zu ver­fassen, birgt so manch­es Risiko. Die Musikjour­nal­istin und Kri­tik­erin Eleonore Bün­ing ließ sich auf dieses Wag­nis ein, als sie ihr Buch über Wolf­gang Rihm in Angriff nahm. Der erste Ver­such, so räumt sie im Vor­wort ein, sei vor mehr als zehn Jahren gescheitert.
Auch der vor­liegende Band – die erste Gesamt­darstel­lung der Vita Rihms, der im Früh­jahr seinen 70. Geburt­stag feierte – erhebt nicht den Anspruch, einen voll­ständi­gen Überblick über sein rast­los­es Schaf­fen zu bieten. Bei Druck­le­gung des Buchs waren allein bei Rihms Musik­verlag Uni­ver­sal Edi­tion 414 pub­lizierte Werke gelis­tet. Nach Bün­ings Schätzung dürften es – inklu­sive der bei Bre­itkopf & Här­tel ver­legten sowie der unveröf­fentlicht­en Stücke – weit über 600 sein. Doch nicht nur der Umfang des Œuvres macht es kaum möglich, sein kün­st­lerisches Schaf­fen in Gänze zu deuten. „Wenn man etwas zu haben glaubt, wom­it man Wolf­gang Rihm fassen kann, dann ist er schon längst woan­ders“, zitiert die Autorin seinen Schüler Jörg Widmann.
Bün­ing, seit über dreißig Jahren mit dem Kom­pon­is­ten befre­un­det, gelingt es den­noch, eine kluge Analyse vorzule­gen, die der Öffentlichkeit das oft wider­sprüch­lich erscheinende Phänomen Rihm näher­brin­gen kann. Sie zeich­net den Lebensweg eines Mul­ti­tal­ents nach, das als Kind in Karl­sruhe die Liebe zur Musik und zu anderen Kün­sten ent­deck­te, immer ein Einzel­gänger blieb und doch nie zum Eremiten wurde. Erfahrun­gen sam­melte Rihm etwa als Schüler von Eugen Wern­er Velte, Wolf­gang Fort­ner und Karl­heinz Stock­hausen, bevor er bei den Donaueschinger Musik­ta­gen 1974 mit dem Stück Mor­phonie – Sek­tor IV auf einen Schlag in der Neue-Musik-Szene bekan­nt wurde.
Zahlre­ich eingestreuten Orig­i­nalz­i­tat­en ist zu ent­nehmen, wie behar­rlich er sich stets dage­gen gewehrt hat, in bes­timmte Schubladen gesteckt zu wer­den. „Ich habe nie in meinem Leben zu ein­er Schule gehört. Und ich habe auch nie zu ein­er Marschier­rich­tung gehören wollen, das war mir immer sus­pekt“, bekan­nte er. Bün­ing hält ihm zugute, dass seine im Wesentlichen mit tra­di­tionellen Gestal­tungsmit­teln geschaf­fene Musik auch Men­schen berühre, die keine Lust auf Avant­garde hät­ten. Charak­ter­is­tisch für sein inter­na­tion­al renom­miertes Werk ist außer­dem die fortwährende Auseinander­setzung mit Lit­er­atur, Poe­sie und bilden­der Kunst.
Anhand konkreter Beispiele beschreibt Bün­ing ein­drück­lich und ken­nt­nis­re­ich, wie sich diese Gren­züber­schre­itun­gen vol­l­zo­gen haben. „Rihms Musiken entste­hen, von seinen Anfän­gen bis ins gegen­wär­tige Spätwerk, fast immer als Antwort auf die konkrete Erfahrung mit dem Werk eines anderen, eines Dichters oder Malers.“ Eines der jüng­sten Beispiele ist sein 2015 von Renaud Capuçon mit den Wiener Sym­phonikern uraufge­führtes Vio­linkonz­ert Gedicht des Malers. Rihm stellte sich hier vor, wie Max Beck­mann ein Porträt des Geigen­vir­tu­osen Eugène Ysaÿe malt.
Eine lohnende Lek­türe, die dazu anregt, sich weit­er im Detail mit Rihms Musik zu befassen. <
Cori­na Kolbe