Daniel Pacitti

Wir sind Bettler

Martin Luther 2017. Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt, Ltg. Daniel Pacitti

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Rondeau Production
erschienen in: das Orchester 1/2019 , Seite 71

Manchmal sind die Übergänge zwischen Eklektizismus, Stilzitat und Collage fließend. Noch vor Oscar Strasnoys und Christoph Heins Opernoratorium Luther, dessen Uraufführung im Oktober 2017 Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff einen „wichtigen Jubiläumsbeitrag der Kulturhauptstadt Halle“ nannte, gelangte in der Berliner Philharmonie am 27. Juni ein mit der Spieldauer von über zweieinhalb Stunden noch größer dimensioniertes Werk zur Uraufführung. Für Wir sind Bettler des Komponisten, Dirigenten und Bandeonisten Daniel Pacitti und seines Librettisten Pastor Christian Meißner lautete der Slogan „Ein neues, klassisches Luther-Oratorium zum Reformationsjubiläum“.
Es ist sicher Zufall, dass die Komponisten beider Riesenpartituren argentinische Wurzeln haben und man ihnen vielleicht deshalb einen mehr unbefangenen Umgang mit den überlieferten Topoi des musikalischen Materials anzumerken glaubt. Bei Strasnoy ist Luther ein Tenor, sein Innenleben und Ringen als Teil der Handlung erfasst, bei Pacetti ist er Bariton, vordergründig und oft sehr laut.
Roman Trekel als Reformator bricht mit seiner enormen vokalen Intelligenz den Eisenpanzer und die Schaumkronen der Partitur Pacettis auf, er legt dem Gottesstreiter ein bronzenes Kettenhemd an.
Seintewegen und wegen der anderen Solisten Yuriko Ozaki, Christiane Roncaglio (beide Sopran), Arttu Kataja (Bariton) und Dominic Barberi (Bass) lohnt sich das Hineinhören in diese Einspielung, die Längen mit Lautstärke auffrischt. Das ist schade vor allem für das Brandenburgische Staatsorchester Frank­furt, dem man für dieses Jubiläum eine Partitur mit der Differenzierungskraft etwa von Meyerbeers Wiedertäufer-Oper Der Prophet, die wenige Monate später an der Deutschen Oper Berlin herauskam, gewünscht hätte.
In geballten Tutti-Wirkungen lässt Daniel Pacitti den Choral Ein feste Burg ist unser Gott leitmotivisch über die Hörer hinwegbrausen wie die Posaunen von Jericho. Massive Monumentalität und großflächige Farben bestimmen das Repräsentationswerk, stellenweise auch Post-Impressionistisches und vage Jazz-Nahes.
Der Komponist steht selbst am Pult und sucht eher die ausladenden Äußerlichkeiten als die mensch­liche Dramatik. Bei Oscar Strasnoy merkt man das Ringen um Luther als historische Person, als Symbol und als Legende, die manchmal so trocken klingt wie Doktor Faust  vor dem Verjüngungstrank. Daniel Pacittis Luther dagegen braust als Wirbelsturm gegen eine Welt voller Teufel mit dem Orchesterpanzer um die Wette. Tonalität wird zur Einschüchterungsgeste, die manchmal mit von Bach abgelauschten Figurationen untermischt ist. In der verdienstvollen Diskografie des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt finden sich andere Perlen als diese Feier einer flachen Hagiografie, bei der bis zum Schluss weitgehend an Weichheit und Zartheit gespart wurde.
Roland Dippel