Franz Schubert

Winterreise for String Quartet

Voyager Quartet

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Solo Musica
erschienen in: das Orchester 07-08/2020 , Seite 73

Name des Stre­ichquar­tetts ist für das Werk Pro­gramm: Das im Jahr 2014 gegrün­dete Voy­ager Quar­tet spielt Schu­berts Liederzyk­lus Win­ter­reise. Das Ensem­ble konzip­iert nach eige­nen Worten „Pro­gramme, die eine enge Verbindung schaf­fen zwis­chen der gespiel­ten Musik und dem Begriff ‚Reise‘. Das wird sehr weit gefasst; so gab es eine Reise ins All, eben mit der Voy­ager-Sonde, aber auch eine Reise nach innen oder ins Jen­seits.“ Die neue CD scheint auf Let­zteres zu zie­len. Es ist jedoch eine kurze Reise: Nur zwölf der ursprünglich 24 „schauer­lichen Lieder“, wie Schu­bert sie damals seinen Fre­un­den anpries, wer­den gespielt.
Andreas Höhricht, der Bratsch­er des Quar­tetts, arrang­ierte im Gegen­satz zu Hans Zen­der, der 1993 die Lieder aus sein­er Per­spek­tive her­aus kom­pos­i­torisch inter­pretierte, die Lieder für vier Stre­ich­er um, ohne die musikalis­che Sub­stanz zu verän­dern, ver­sah sie mit einem knap­pen Pre­lu­dio und ins­ge­samt elf Inter­mezzi, die sich zwis­chen den einzel­nen Liedern naht­los aneinan­der­rei­hen. So entste­ht etwa 50 Minuten Musik an einem Stück.
Die Reise begin­nt nach der kurzen Ein­leitung fol­gerichtig mit einem unaufgeregten Gute Nacht, das mit dem ersten Inter­mez­zo in einen schein­bar traum­losen Schlaf zu fall­en scheint und beina­he unmerk­lich mit den Gefrore­nen Trä­nen weit­erträumt. Zwis­chen denen und dem nach­fol­gen­den Lin­den­baum dis­sonierende Klänge, die für ein gewiss­es Unbe­ha­gen sor­gen, die aber bald durch Ver­trautes aufgelöst wer­den. Doch rasch macht sich größeres Unbe­ha­gen bemerk­bar und wir befind­en uns erneut auf har­monis­ch­er Boots­fahrt: Auf dem Flusse, das aber bald auf ärg­er­lichem Grund havari­ert, um einem Irrlicht aufge­sessen zu sein, das geräuschvoll in einen zwar schön begin­nen­den Früh­lingstraum mün­det, welch­er aber wiederum alb­trau­mar­tig endet. Und so geht es stereo­typ weit­er mit Ein­samkeit, Der Weg­weis­er, Das Wirtshaus und Mut. Höhricht übern­immt oft The­men und Rhyth­men des dynamisch verklin­gen­den Liedes, mod­i­fiziert sie und lässt sie jew­eils in ein­er Art Rat­losigkeit ausklin­gen. Die dis­so­nan­ten Stör­feuer ner­ven mit der Dauer inzwis­chen schon. Während Mut von ein­er Art zorniger „Kadenz“ ein­geleit­et wird, versinken gegen Ende die wun­der­baren Klänge der Neben­son­nen mit clus­ter­ar­ti­gen Zer­rbildern etwa zwei Minuten lang in pure Hoff­nungslosigkeit, bevor der an sich tröstliche Leier­mann nach Art „sollst san­ft in meinen Armen schlafen“ einem den Rest gibt. Schu­berts Musik wird durch­weg her­vor­ra­gend und herzöff­nend musiziert. Jedoch stechen die Inter­mezzi mit ihren dis­sonieren­den Klän­gen scharf und schmerzhaft in die ver­let­zliche Seele hinein. Bei dem selb­stquä­lerischen, teils aggres­siv anmu­ten­den Hin und Her ist dies eine ver­störende Reise, in welch­er Schu­bert instru­men­tal­isiert wird, um auf mod­erne Weise zu men­schlichen Abgrün­den zu gelan­gen.

Wern­er Boden­dorff