Eva Batt

Wind strich eine Schattenmelodie

Duett für Violine und Kontrabass

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Gilgenreiner
erschienen in: das Orchester 02/2021 , Seite 66

Sieht man ein­mal von weni­gen wirk­lich promi­nen­ten Stück­en – beispiel­sweise von Krzysztof Pen­derec­ki, Isang Yun, Györ­gy Kurtág oder Wolf­gang Rihm – und vie­len Bear­beitun­gen ab, ist das Duo für Vio­line und Kon­tra­bass bis heute eine kom­pos­i­torisch eher ver­nach­läs­sigte und in ihren Möglichkeit­en unter­schätzte kam­mer­musikalis­che Beset­zung geblieben. Das ist bedauer­lich, weil die Kom­bi­na­tion dieser an ent­ge­genge­set­zten Polen der Stre­icher­fam­i­lie agieren­den Instru­mente sehr viele Nuan­cen zu bieten hat.
In der 2018 ent­stande­nen Kom­po­si­tion Wind strich eine Schat­ten­melodie weiß die Kom­pon­istin Eva Batt (*1965) diese Möglichkeit­en zu nutzen und stellt sie in den Dienst ein­er Auseinan­der­set­zung mit Sprache: Das zugrun­deliegende Gedicht Voraus­ge­gan­gen von Chris­tiane Schwarze han­delt von zwei sich lieben­den Men­schen, die durch den Tod eines Part­ners voneinan­der getren­nt wur­den, aber den­noch in ihrer Liebe gedanklich vere­int bleiben.
Batt nähert sich dem Gedicht im Sinne ein­er „Ver­to­nung“, indem sie die Atmo­sphäre des poet­is­chen Gebildes musikalisch einz­u­fan­gen sucht und dabei immer wieder das Ver­hält­nis von Vio­line und Kon­tra­bass als voneinan­der getren­nte, aber den­noch zusam­menge­hörige Posi­tio­nen fasst. So bleiben die Instru­mente zwar auf­grund ihrer Reg­is­ter­la­gen als isolierte Charak­tere markiert, doch nutzt die Kom­pon­istin diverse Möglichkeit­en, um die Klang­far­ben einan­der anzunäh­ern (und auf dem Höhep­unkt gar miteinan­der zu ver­schmelzen) oder andere Arten der Annäherung zu realisieren.
Eine wichtige Rolle spielt hier­bei der Rhyth­mus: Während etwa der Beginn sehr frei gehand­habt wird – die Vio­line umschreibt mit „sphärischem, geis­ter­haftem Klang“ eine in der drei- bis viergestrich­enen Oktave ange­siedelte Pianis­si­mo-Kan­ti­lene, die vom Kon­tra­bass mit einem Tremo­lo unter­legt ist –, find­en die Part­ner im darauf­fol­gen­den Abschnitt immer wieder zeitweise in rhyth­mis­chen Unisoni zusammen.
Im drit­ten Abschnitt wiederum entspin­nt sich im Bass ein Osti­na­to-Gerüst, in das die Vio­line ihren Part ein­passen muss, während umgekehrt im vierten Teil das Geschehen von tri­olis­chen Ver­läufen und wech­sel­seit­iger Aus­fül­lung der kurzen Pausen des Gegenübers bes­timmt ist.
Der fün­fte Abschnitt ist ganz auf die auf­führung­sprak­tis­chen Frei­heit­en der Kon­tra­bassstimme zugeschnit­ten, in denen Batt jaz­zar­tige Verzierun­gen zulässt. Schließlich vere­ini­gen sich bei­de Instru­mente in einem fast choralar­tig anmu­ten­den, vibra­tolosen Satz, dessen Dreis­tim­migkeit eine vom Kon­tra­bass bes­timmte, uhrw­erkar­tige Präzi­sion zugrunde liegt. Ins­ge­samt gibt das in zurück­hal­tend mod­ern­er Har­monik kom­ponierte Stück den bei­den Part­nern einiges zu tun, ohne sie spiel­tech­nisch zu über­fordern, sodass sich die Gestal­tung primär auf den Klang richt­en kann. Von Vorteil ist zudem, dass die Kon­tra­bassstimme alter­na­tiv in ein­er Sko­r­datur-Nota­tion für einen Bass mit Solostim­mung (Fis-H-E‑A) vorliegt.
Ste­fan Drees