Till Haberfeld/Oswald Georg Bauer

Wieland Wagner

Revolutionär und Visionär des Musiktheaters

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Deutscher Kunstverlag
erschienen in: das Orchester 02/2018 , Seite 60

Pünk­tlich zum 100. Geburstag des bedeu­ten­den Wag­n­er-Enkels erscheint dieser aufwendig pro­duzierte Bild­band. Er enthält neben einem Gruß­wort der Tochter Daphne sowie des Her­aus­ge­bers Till Haber­feld einen Ein­führung­s­text von Oswald Bauer: „Wieland Wag­n­er – Der Weg ist das Ziel“. Alle weit­eren Texte, die Bilder­fol­gen kom­men­tierend und ergänzend, stam­men auss­chließlich von Wieland selb­st bzw. Inter­views mit ihm.
Wieland Wag­n­er, der schon während der NS-Zeit Büh­nen­bilder für die Bayreuther Fest­spiele ent­warf, vol­l­zog nach dem Krieg einen radikalen Bruch mit der für ihn kün­st­lerisch wie per­sön­lich dun­klen Ver­gan­gen­heit und entwick­elte ab den frühen 1950er Jahren sein Cre­do für Wan­del und Erneuerung der inszena­torischen The­ater­prax­is, eine Philoso­phie, mit der er ins­beson­dere in Bayreuth selb­st zunächst Unver­ständ­nis und Wider­stand provozierte, auch seit­ens der alteinge­sesse­nen Diri­gen­ten wie Hans Knap­perts­busch. Seine Unbeir­rbarkeit und Kon­se­quenz, den ein­mal eingeschla­ge­nen kün­st­lerischen Weg fortzuset­zen, legten den Grund­stein für seine inter­na­tion­al erfol­gre­iche Kar­riere, die mit seinem frühen Tod 1966 abrupt endete, aber zu ein­er gewis­sen leg­en­den­haften Verk­lärung seines Schaf­fens führte.
Sein Ruhm grün­det sich allerd­ings aus heutiger Sicht wohl eher auf die fun­da­men­tale Abkehr vom bis in die 1940er Jahre vorherrschen­den nat­u­ral­is­tis­chen Stil hin zur Abstrak­tion und sym­bol­haften Gewalt sein­er Büh­nen­bilder. Da es nur wenige Film­doku­mente von Wag­n­ers Insze­nierun­gen gibt, liegt die kün­st­lerische Bedeu­tung seines Schaf­fens wohl weniger in der Per­so­n­en­regie, vielmehr in den Chore­ografien (assistiert und maßge­blich unter­stützt bzw. geprägt von Wielands Frau Gertrud) und der akribis­chen Beleuch­tung­stech­nik, an deren Per­fek­tion er in ger­adezu fanatis­ch­er Probe­nar­beit uner­bit­tlich feilte. Die groß­for­mati­gen qual­i­ta­tiv her­vor­ra­gend repro­duzierten und chrono-logisch nach Werken ange­ord­neten Fotodoku­mente von Wielands Insze­nierun­gen mit Schw­er­punkt Bayreuth tra­gen zwangsläu­fig zur Ver­stärkung dieses Ein­drucks bei.
Sicher­lich nicht so bekan­nt wie Wag­n­ers Bayreuther Fest­spielin­sze­nierun­gen, die er von 1951 bis 1966 kom­plett alleine gestal­tete – Gas­tregis­seure lehnte er man­gels qual­i­ta­tiv­er und inno­v­a­tiv­er Konzepte vehe­ment ab –, sind seine Insze­nierun­gen von Opern ander­er Kom­pon­is­ten. Dabei fällt auf, dass Wieland an Opern aus dem 20. Jahrhun­dert eher weniger inter­essiert war. Eine Aus­nahme ist Alban Berg. Davon zeugt der Frank­furter Wozzeck von 1966 und liefert einen Aus­blick, was an kün­st­lerisch rev­o­lu­tionären Neuerun­gen in der Zusam­men-arbeit mit dem Diri­gen­ten Pierre Boulez in Bayreuth möglich gewe­sen wäre, lässt erah­nen, dass Wieland erst mit Boulez auf musikalis­chem Gebi­et wohl endlich ein kon­ge­nialer Part­ner zur Seite ges­tanden hätte.
Den Auf­bruch in eine neue Ära der Opern­regie ab den 1970er Jahren in Bayreuth hat Wieland Wag­n­er lei­der nicht mehr erleben kön­nen, die Entwick­lung dazu hat er aber sicher­lich angestoßen.
Kay West­er­mann