Ingvar Hellsing Lundqvist

Wie man ein Genie tötet

Roman

Rubrik: Buch
Verlag/Label: Picus, Wien 2019
erschienen in: das Orchester 05/2019 , Seite 60

Genau dreißig Jahre ist es her, dass die musikalis­che Welt Ken­nt­nis erhielt von einem beachtlichen Werk jugendlich­er Schöpfer­kraft, das im Wien des späten 19. Jahrhun­derts ent­standen war. Hans Rott, der Bruck­n­er-Schüler und Stu­di­enkol­lege von Gus­tav Mahler, hat­te seine 1. Sin­fonie 1880 kom­poniert, war damit jedoch bei den Preise und Stipen­di­en vergeben­den Größen der Stadt gescheit­ert und kam seit­dem nicht mehr in die kar­ri­ere­fördern­den Gänge. Daraufhin lan­dete er in der Psy­chi­a­trie und starb dort mit nur 26 Jahren.
Der schwedis­che Autor Ing­var Hells­ing Lundqvist hat einen Roman vorgelegt, den man eine Doku­fik­tion nen­nen kann: Sach­haltige Kernbestände wer­den mit­tels nar­ra­tiv­er Auss­chmück­ung verklei­det, ver­größert und gedeutet, wobei Außen- wie Innen­per­spek­tive sich abwech­seln. Der Text ist in 51 Szenen unterteilt, mit der his­torisch ver­bürgten Szene als Rah­men­hand­lung, in welch­er der junge Kom­pon­ist in einem Eisen­bahn­abteil einen Pas­sagi­er mit­tels gezück­ten Revolvers am Anzün­den ein­er Zigarre hin­dert: Brahms habe den Zug mit Dyna­mit gefüllt!
Mit dem Namen des berühmten Meis­ters des anti-wag­ne­r­i­an­is­chen und also anti-neudeutschen musikalis­chen Lagers ist der Antag­o­nis­mus benan­nt, der sich durch das gesamte Buch zieht und seinen Titel erk­lärt. Mit­tels des sin­fonis­chen Estab­lish­ments, mit akademis­ch­er Tradierung und dem Aus­ge­wogen­heits­maß, für das hier Johannes Brahms ste­ht, wird ein hoff­nungsvolles Tal­ent musikalis­ch­er Verän­derung und Dynamisierung fer­tig gemacht und in den Tod getrieben.
Die ein­fache Botschaft, die sich auf die Ablehnung der Rott-Sin­fonie durch Brahms stützen kann, wird zum hyper­tro­phen Muster der gesamten Lebens­beschrei­bung: „Der Mann, der einen Kom­pon­is­ten töten sollte…“ Brahms, der Mörder, Eduard Hanslick und Karl Gold­mark seine Helfer. Da ist man schon über die Hälfte des Buchs mit seinen mal prim­i­tiv­en, mal sub­til­eren Schwarz-Weiß-For­mulierun­gen hin­aus, hat auch die Guten ken­nen­gel­ernt, die Fre­unde Gui­do Adler, Friedrich Löhr, den Lehrer Anton Bruck­n­er.
Man disku­tiert über den neuen Men­schen, die Emanzi­pa­tion der Frau, Gesellschaft­sre­form, die Zukun­ftsmusik, Veg­e­taris­mus. Über den leicht­fer­ti­gen, geld­ver­prassenden Halb­brud­er, mit dem die frühe Voll­waise zusam­men­lebt, den bösen Vater der jun­gen Louise, die Rott unglück­lich liebt, und den gnaden­losen, Hirne tranchieren­den Psy­chi­a­trieleit­er, dem ein gut­meinen­der junger Arzt ent­ge­gen­ste­ht.
Der Stil des Ganzen ist hölz­ern, die Aufrei­hun­gen sind in ihrer Ten­denz meist vorherse­hbar und Dif­ferenz und Dis­par­ität let­ztlich immer aus milieuthe­o­retis­chen Unter­stel­lun­gen ableit­bar. Kün­stler-Heros-Lit­er­atur: der Unver­standene, der sein­er Zeit Vorau­seilende, das Opfer. Und dem gegenüber die Miss­gun­st, die Igno­ranz und die Macht­sicherung. Ein an Stil­blüten reich­es Werk. Mit For­mulierun­gen wie „als das Schlafz­im­mer in gefroren­em Schweigen den Atem anhielt“ muss gerech­net wer­den.

Bern­hard Uske