Bartolo Musil

Wie ein Begehren“

Sprache und Musik in der Interpretation von Vokalmusik (nicht nur) des Fin du Siècle

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Transcript, Bielefeld
erschienen in: das Orchester 06/2019 , Seite 59

Die Reper­toire-Schw­er­punk­te des Bari­tons Bar­to­lo Musil liegen im Barock und der Neuen Musik. Das ist beze­ich­nend für seine Schrift, in der er die Vokalmusik der Jahrhun­der­twende und vor allem The­o­retik­er des 20. Jahrhun­derts zum Aus­gangspunkt ein­er generellen Darstel­lung der Stufen zwis­chen gesproch­en­em Wort und text­los­er Vokalise nimmt. Musils prak­tis­che Erfahrun­gen ein­er Gesang­spro­fes­sur am Salzburg­er Mozar­teum schließen die nur the­o­retis­che Darstel­lung aus.
Es geht Musil um die phys­i­ol­o­gis­che, sin­n­fäl­lige und ästhetis­che Erschließung vor allem der Zwis­chen­bere­iche. Insofern ist es stim­mig, dass er den Ver­hält­nis­mäßigkeit­en von Artiku­la­tion und Tonge­bung ohne epochale Charak­ter­isierun­gen nachge­ht. Er legt also einige the­o­retis­che Lück­en frei. Dazu liefert er an eini­gen dif­feren­ziert aus­gewählten und analysierten Hör­beispie­len method­is­che Anre­gun­gen.
Musil nähert sich seinem The­ma über die von Richard Wag­n­er in Oper und Dra­ma für das 19. Jahrhun­dert par­a­dig­ma­tisch fix­ierte ­Dichotomie von Text (= männlich) und Musik (= weib­lich). Danach holt er mit Tex­ten von Roland Barthes zu ein­er Dif­feren­zierung aus, die nicht nur zwis­chen sän­gerisch­er Kapaz­ität und Inter­pre­ta­tion, son­dern überdies zwis­chen Indi­vid­u­al­ität und vokaler Phys­iog­nomie unter­schei­det. So deutet Musil die Ver­nach­läs­si­gung ein­er textlichen Akzen­tu­ierung nicht automa­tisch als Nach­läs­sigkeit oder Inkom­pe­tenz, son­dern als Entschei­dung für bzw. gegen eine Aus­drucksmöglichkeit.
Der Auf­bau des Buch­es fol­gt den Kat­e­gorien All­t­agssprechen, gestütztes Sprechen, monot­o­ne Rez­i­ta­tion, Rez­i­ta­tiv, spra­chori­en­tiertes Sin­gen bis in die Sphären des klan­gori­en­tierten Sin­gens und der Vokalise. Für die Jahrzehnte um 1900 sind vor allem die Kapi­tel der mit­tleren Kat­e­gorien rel­e­vant, da Kom­pon­is­ten von Humperdinck bis Berg anstelle des Pri­mats klan­glich­er Phrasierung nach neuen For­men des vokalen Aus­drucks zwis­chen Sin­gen und Sprechen sucht­en. Beson­ders span­nend wird es bei Werken, bei denen Anmerkun­gen von Kom­pon­is­ten oder stilis­tis­che Vor­gaben ver­sagen. So bei Pier­rot lunaire, zu dem Schön­bergs ästhetis­che Über­legun­gen allen­falls Näherungswerte zur Real­isierung bein­hal­ten. Ähn­lich ver­hält es sich bei Rez­i­ta­tiv­en aus Werken vor 1800, bei denen die von der his­torisch informierten Auf­führung­sprax­is geliefer­ten Infor­ma­tio­nen für eine dynamisch-prak­tik­able Aus­gestal­tung mitunter sog­ar hin­der­lich sein kön­nen.
Für seine Darstel­lung erweist sich Musils Affinität zur franzö­sis­chen Dik­tion des Bari­tons Gérard Souzay, zu den Mélodies-Kom­pe­ten­zen von François Le Roux und der tex­takzen­tu­ierten Phrasierung der Sopranistin Rena­ta Scot­to als Gewinn. Ver­trauen in seine umfan­gre­iche Arbeit schafft überdies die Tat­sache, dass er fast ohne die für ihre Gestal­tung von Dik­tion und Wech­seln zwis­chen den Kat­e­gorien oft erwäh­n­ten vokalen Leucht­türme Diet­rich Fis­ch­er-Dieskau und Maria Callas auskommt.
Roland Dip­pel