Werke von Yiran Zhao

Ensemble Recherche, Neue Vocalsolisten, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Ltg. Peter Rundel

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Wergo
erschienen in: das Orchester 9/2022 , Seite 69

1988 in Chi­na geboren, begann Yiran Zhao ihre Musik­stu­di­en in Peking, set­zte sie an den Musikhochschulen Stuttgart und Basel fort und erwarb ihren Mas­ter an der Linz­er Anton Bruck­n­er Pri­vatu­ni­ver­sität. In ihrer schöpferischen Arbeit nutzt und erweit­ert sie die Poten­ziale herkömm­lich­er Instru­mente, indem sie deren Schal­lkör­p­er erkun­det, ver­bun­den mit visuellen Einge­bun­gen, ins­beson­dere Lichtwirkun­gen, und kör­per­sprach­lichen Aus­drucks­for­men. Ähn­lich­es gilt für ihren Umgang mit der men­schlichen Stimme.
Viele ihrer Stücke bewe­gen sich in der Über­gangszone von Instru­men­tal­musik, Per­for­mance, Klan­gin­stal­la­tion und Videokun­st. Sie wen­den sich zugle­ich ans Hören und Sehen, ver­mit­teln ganzheitliche und zugle­ich vieldeutige Sin­neser­fahrun­gen (Videos kön­nen online abgerufen wer­den). In Ohne Stille II (2015) zum Beispiel trak­tieren zwei Spiel­er Fell, Rah­men und Kor­pus ein­er Trom­mel mit ver­schiede­nen Schlägeln und bloßen Hän­den, Nebengeräusche wie das Qui­etschen der Scharnier­schrauben inbe­grif­f­en. Eine im Trom­mel-Inneren ange­brachte Lichtquelle durch­leuchtet das Res­o­nanzfell, das auf diese Weise ein­er Voll­mond­land­schaft ähnelt. Büh­nen­schein­wer­fer set­zen licht­spie­lende Kon­tra­punk­te in eigen­ständi­ger Rhythmik.
Meist beschränkt sich die Chi­nesin, die sich als „Com­pos­er-Per­former“ ver­ste­ht, auf wenige Klang­w­erkzeuge, die sie indes aus­giebig reizt, abhorcht und erforscht. Wie in ihrem Duo Piep (2015) für zwei elek­trische Metronome – ein hybrid­er Nach­fahr von Györ­gy Ligetis leg­endärem Poème sym­phonique für hun­dert mech­a­nis­che Taktgebieter.
Immer geht es der Kom­pon­istin um Bewe­gung, sei sie kör­per­lich­er, melodis­ch­er oder akustis­ch­er Natur. In Fluc­tu­a­tion Ia (2015/16) zum Beispiel gerät eine aufge­hängte, mit ein­er tiefen Flügel­saite ver­drahtete Keks­dose während des Tas­ten­spiels ins Schaukeln. Ihre Schwünge sind von den anderen Instru­menten des Ensem­bles aufzunehmen und in entsprechende Inter­vall­größen zu „über­set­zen“.
Auch die Schallereignisse des zehn­minüti­gen, melo­drama­tis­chen Orch­ester­stücks Oder Ekel kommt vor Essenz (2017/18) sind nicht „rein musikalis­ch­er“ Natur. Das Laut­ma­te­r­i­al ent­nahm Yiran Zhao Tex­ten eines franko­fo­nen Dichters aus dem Kon­go. In Behind the apples (2018) ver­passt sie den Vokalis­ten Kon­tak­t­mikro­fone an Kopf, Hals und Adamsäpfeln.
Das Berührungsstreben der Kün­st­lerin schlägt sich in ein­er Rei­he von Stück­en nieder, die der Sam­melti­tel Touch vere­int. Das Solostück Joik (2014) für Rah­men­trom­mel ähnelt eher den Trom­melgesän­gen der Inu­it als den Geis­tan­rufun­gen der Samen. Magie ist auch im Spiel, wenn in Pluri (2016/17) ein Solotänz­er mit seinem Alter ego verkehrt, indem seine Kör­perteile ver­schränkt über Lein­wände geis­tern, als seien sie der Sen­tenz „Moi est un autre“ (Ich bin ein ander­er) von Arthur Rim­baud entsprungen.
Außer den im Titelkopf aus­gewiese­nen Ensem­bles, die Zhaos inter­me­di­ale Klangvi­sio­nen und Bild­fan­tasien getreulich ver­wirk­licht­en, gebührt auch dem Tromm­ler Chris­t­ian Dier­stein und dem Solotänz­er Kai Chun Chuang Lob und Dank.
Lutz Lesle