Richard Strauss/ Gustav Mahler/ Alexander Zemlinsky

Werke von Strauss, Mahler und Zemlinsky

Bruno Borralhinho (Violoncello), Christoph Berner (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ars Produktion
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 72

Drei Meis­ter auf dem Weg zu sich selb­st: Wir hören Jugendw­erke bedeu­ten­der Kom­pon­is­ten der Zeit um 1900, von denen indes nur ein­er – Richard Strauss – schon in frühen Jahren als Großmeis­ter der Zun­ft bewun­dert wurde. Gus­tav Mahler machte Kar­riere als Diri­gent, seine Kom­po­si­tio­nen blieben zu Lebzeit­en umstrit­ten. Alexan­der Zem­lin­sky lebte ein wenig im Schat­ten der „Alpha-Tiere“, seinem Werk wurde erst in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten Anerken­nung zuteil.
Dass die drei Werke zwis­chen 1883 und 1894 und zudem im süddeutsch-„kakanischen“ Kul­tur­raum ent­standen, kön­nte auf stilis­tis­che Affinitäten schließen lassen. Um so auf­fäl­liger die Unter­schiede: Die Strauss’sche Cel­losonate op. 6, ein Werk des Neun­zehn­jähri­gen, prägt ein klas­sizis­tis­ch­er Duk­tus, wobei ihre The­men spätere Eulen­spiegeleien erah­nen lassen. Sein Erweck­ungser­leb­nis durch die Musik Wag­n­ers stand Strauss noch bevor, wohinge­gen es in Zem­lin­skys 1894 ent­standen­er a-Moll-Sonate post-tris­tanisch brodelt. In punk­to Har­monik spricht diese Musik ver­glichen mit der schu­man­nesken Welt des jun­gen Strauss eine avancierte Sprache. Überdies ent­stand Zem­lin­skys Sonate in zeitlich­er Nähe zu sein­er Oper Sare­ma. Deren Hand­lung spielt im Kauka­sus, und Zem­lin­sky hat hier­für ein Idiom entwick­elt, das er, nicht ohne Ironie, als „tscherkessisch“ beze­ich­nete. Es fand auch Ein­gang in die ersten bei­den Sätze der Cel­losonate.
Zwis­chen den Sonat­en erklin­gen Gus­tav Mahlers Lieder eines fahren­den Gesellen in einem Arrange­ment, das Bruno Bor­ral­hin­ho, Cel­list der vor­liegen­den Auf­nahme, ange­fer­tigt hat. Trifft es zu, dass – wie der Book­let­text andeutet – die Kühn­heit­en und lyrischen Qual­itäten der Lieder in text­los­er Ver­sion beson­ders deut­lich her­vortreten? Ist nicht vielmehr ihr Qua­si-Volk­ston in hohem Maß an die von Mahler ver­fassten Texte (man mag sie mögen oder nicht) gebun­den?
Der por­tugiesis­che Cel­list Bruno Bor­ral­hin­ho ist Mit­glied der Dres­d­ner Phil­har­monie und Leit­er des Ensem­ble Mediter­rain. Sein Kam­mer­musik­part­ner, der öster­re­ichis­che Pianist Christoph Bern­er, hat sich als Lied­be­gleit­er einen Namen gemacht. Er wirkt seit 2014 an der Zürcher Hochschule der Kün­ste. Mag der Inter­pre­ta­tion der Strauss-Sonate gele­gentlich jugendlich­es Ungestüm fehlen, so wer­den wir hier wie auch in den anderen Werken entschädigt durch exquis­ites Zusam­men­spiel, aus­ge­wo­gene Tem­pi und per­fek­te Bal­ance zwis­chen Expres­sion und Struk­turempfind­en. Bor­ral­hin­ho ent­lockt seinem Cel­lo wun­der­bare Farb­nu­an­cen, und das Spiel des Duos besticht durch Liebe zum Detail eben­so wie durch geschmack­volle Phrasierung und Großraum-Gestal­tung.
Ihm zu lauschen wäre noch genuss­re­ich­er, hätte das tech­nis­che Per­son­al größeres Gewicht gelegt auf die Ver­mei­dung des Kar­di­nalfehlers jed­er Cel­lo-Klavier-Ein­spielung: ein­er zu laut­en Auss­teuerung des Klaviers. Lei­der geht dadurch manche Pas­sage der Cel­lo-Mit­tel­lage unter. Den­noch – zumal dank der lohnen­den Reper­toireer­weiterung durch die Zem­lin­sky-Sonate – eine gelun­gene Pro­duk­tion!
Ger­hard Anders