Werke von Schumann, Cassadó, Fauré und Rachmaninow

Denis Severin (Violoncello), Camerata Franconia, Ltg. Dorian Keilhack

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Solo Musica
erschienen in: das Orchester 11/2020 , Seite 70

Irrte die Musikgeschichte, als sie den solistisch tätigen Cellisten dieser Welt romantische Werke mit Streichorchesterbegleitung vorenthielt? – Wir können an dieser Stelle diese aus dem unendlichen Raum gegriffene Frage natürlich nicht letztgültig beantworten. Was wir aber können, ist auf eine hübsche CD hinzuweisen, die die oben genannte Besetzung aufs Allerliebste in Szene setzt.
Protagonist ist Denis Severin, Cello-Professor in Genf-Neuchâtel und Dozent an der HdK Bern. Der in der Ukraine gebürtige und in Moskau ausgebildete Musiker lebt die Leidenschaft für sein Instrument auf dem Podium wie gleichermaßen als Pädagoge. Und liebt, das können wir mit Fug unterstellen, das musikalische Zusammenwirken mit jungen Musikern auf Meisteroder Kammermusikkursen und Festivals. Ihm, der ganz natürlich auch im Barock und der Klassik zuhause ist – mit mannigfaltigen Repertoirestücken für die Solocello-Streichorchesterbesetzung –, wurde der offenbar blinde Fleck der romantischen Komponisten zum Ansporn, einige bekannte Repertoirestücke von seinem Kollegen und Freund Myroslav Krill arrangieren zu lassen.
Das Ergebnis erfreut nicht nur die Ohren der Zuhörer, sondern sicher auch die Streichorchester dieser Welt, die nun auch mal Cellisten außer zu CPE Bach oder Boccherini einladen können. Zu Schumanns Fünf Stücken im Volkston etwa, oder zu Cassadós Sonate im alten spanischen Stil. Der ursprüngliche Klaviersatz des genialen Casals- Schülers ist mit feinem Gefühl auf die Farben der Streicher übertragen, ja im Verlauf von Danza con variazioni auch mal zu einem entzückenden Pizzicato-Stückchen umgedichtet. Severin pflegt einen schlanken, dabei überaus warmherzigen Ton, darf auch in den anderen Stücken der CD nach Herzenslust singen und mit seiner Musikalität berühren. Rachmaninows schmachtfetzige Vocalise ist dabei, des Weiteren zwei Sätze von Fauré, Romance und Sicilienne, die in etlichen anderen Bearbeitungen kursieren.
Man genießt Bekanntes im neuen Kleid auch deshalb, weil das Streicher-Kammerorchester aus Erlangen, die Camerata Franconia, mit dezentem Charme und untadeligem Können musiziert. Die Mischung aus gestandenen Kammermusikern und jungen, talentierten Akademisten unter der Leitung von Dorian Keilhack, der im Verlauf seiner Karriere schon etliche zeitgenössische Opern aus der Taufe gehoben hat, hat sich seit der Gründung 2013 bewährt. Die aus ganz Europa zu den Projekttagen angereisten Musiker sind privat bei der traditionell weltoffenen Erlanger Bevölkerung untergebracht.
Dieser Geist belebt die Musik, das meint man jedenfalls beim Hören zu spüren. Dagegen sind vermeintliche Irrtümer der Musikgeschichte gänzlich ohne Belang.
Armin Kaumanns