Werke von Honegger, Koechlin, Erb und anderen: Faszination Englisch-Horn

Lajos Lencsés (Englischhorn), Gaby Pas-van Riet (Flöte), Antal Vàrady (Orgel), Shoshana Rudiakov (Klavier), Arnaud Valin (Violine), Jean-Philippe Martignoni (Violoncello), Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim, Ltg. Vladislav Czarnecki, Savaria Sinfonieorchester, Ltg. Gergely Madaras

Rubrik: CD
Verlag/Label: Bayer Records BR 100 398
erschienen in: das Orchester 05/2019 , Seite 66

Das Englis­chhorn stammt wed­er aus Eng­land, noch gehört es der Hörn­er­fam­i­lie an. Sein Name beruht wohl auf einem Missver­ständ­nis. Die Alt-Oboe in F, die sich im frühen 18. Jahrhun­dert aus der Oboe da cac­cia entwick­elte, wurde näm­lich anfangs „cor anglé“ (abgewinkeltes Horn) genan­nt, was wie „cor anglais“ (englis­ches Horn) klingt.
Zwar find­et sich die Oboe da cac­cia, heute meist vom Englis­chhorn geblasen, auch schon bei Bach. Seine eigentliche Schöpfer­stunde schlug indes in der Roman­tik. Berlioz, Schu­mann und Wag­n­er, Dvóřak und Sibelius ent­deck­ten es als Stimme der Ein­samkeit, vagierend zwis­chen Weltschmerz, Mythos und Mys­tik – man denke nur an den Hirten­reigen zu Beginn des drit­ten Tris­tan-Akts oder an den Schwan von Tuonela in Sibelius’ Lem­minkäi­nen-Suite.
Hinge­gen inspiri­erte das Englis­chhorn nur wenige Kom­pon­is­ten kam­mer­musikalisch oder gar zu einem Solokonz­ert. Ihnen forschte der ungarische Oboen­vir­tu­ose Lajos Lenc­sés, seit 1967 Solist der Phil­har­mo­nia Hun­gar­i­ca und bis 2010 Solo-Oboist des Radio-Sin­fonieorch­esters Stuttgart, mit Ent­deck­ungslust nach. Wobei er auf den franko­fo­nen schweiz­erischen Kom­pon­is­ten Arthur Honeg­ger stieß. Ihn beauf­tragte eine amerikanis­che Mäzenin 1947 mit ein­er konz­er­tan­ten Musik für Englis­chhorn. Ihrer Ini­tia­tive ver­dankt die Bläser­welt ein spielvergnügtes, im Mit­tel­satz elegisch getöntes Dop­pelkonz­ert, worin die kapriz­iöse Flöte das melodiöse Englis­chhorn umgaukelt und umschwärmt. Mit diesem Kam­merkonz­ert, 1983 im SWR Funkstu­dio Stuttgart aufgenom­men, eröff­nen die Solis­ten Gaby Pas-van Riet (Flöte) und Lajos Lenc­sés (Englis­chhorn) – vom Süd­west­deutschen Kam­merorch­ester Pforzheim wie auf Samt gebet­tet – die span­nende Werk­folge der Edi­tion.
Die Monodie 1947 für Englis­chhorn solo des Fran­zosen Charles Koech­lin, eines Schülers von Gabriel Fau­ré, und die Pre­mière sonatine pour cor anglais et orgue (1940) des Straßburg­er Organ­is­ten Marie-Joseph Erb bere­ich­ern das Charak­ter­bild des Blasin­stru­ments, bevor sich Paul Hin­demith – der seinem Ver­leger ange­dro­ht hat­te, er werde „das ganze Blaszeug bes­onat­en“ – mit sein­er 1941 in den USA ent­stande­nen Sonate für Englis­chhorn und Klavier keck und kurzweilig ein­mis­cht.
Welch ein Rös­sel­sprung von Hin­demiths Glasper­len­spiel zur spir­ituellen Sphären­musik des Let­ten Pēteris Vasks! Im Umbruch­s­jahr 1989 schrieb er dem Stam­ford Cham­ber Orches­tra ein musikalisch und spiel­tech­nisch her­aus­fordern­des Konz­ert für Englis­chhorn und Orch­ester, das Lajos Lenc­sés erst spät für sich ent­deck­te und 2017 in Ungarn live aufnehmen ließ. Der Konz­ert­mitschnitt besticht durch die Unmit­tel­barkeit und Frische der Auf­führung mit dem Savaria Sin­fonieorch­ester in Szom­bat­he­ly.

Lutz Lesle