Steffen A. Schmidt

Werke von Giovanni Bottesini, Astor Piazzolla und Nino Rota: My Double Bass

Ödön Rácz (Kontrabass), Noah Bendix-Balgley (Violine), Franz Liszt Chamber Orchestra, Ltg. Speranza Scapucci

Rubrik: CD
Verlag/Label: Deutsche Grammophon 481 7731
erschienen in: das Orchester 05/2019 , Seite 67

Die auf der CD ver­sam­melten Werke beschreiben – gemäß dem aus­führlichen und sehr lesenswerten Book­let – eine Reise von Ital­ien nach Südameri­ka und wieder zurück. Dabei stam­men zwei davon aus dem Reper­toire der Kon­tra­basslit­er­atur, der Gran Tan­go Piaz­zol­las hinge­gen wurde ursprünglich für das Cel­lo Ros­tropow­itschs geschrieben. Solche Exper­i­mente bleiben angesichts ein­er ver­hält­nis­mäßig schmalen Lit­er­atur für den Kon­tra­bass, der als Soloin­stru­ment in jün­ger­er Zeit mehr und mehr ent­deckt wird, nicht aus; und natür­lich stellt sich dabei die Frage, ob eine solche Bear­beitung glückt.
Sicher­lich ist Ödön Rácz dafür die geeignete Per­son, denn der Vir­tu­ose wurde ger­adezu mit dem Bogen in der Hand geboren und entstammt ein­er Kon­tra­bass­fam­i­lie von mehreren Gen­er­a­tio­nen. Als Mit­glied der Wiener Phil­har­moniker hat der Solist eben­bür­tige Mit­spiel­er gefun­den, die den Gesamtk­lang der CD auf höch­stem Niveau prä­gen. Das gerät schon im ersten Werk von Bottesi­ni zu solch schwindel­er­re­gen­den Höhen klan­glich­er Ver­schmelzung im Zusam­men­spiel mit der Solovi­o­line, dass man meint, ein ganz neues Instru­ment vor sich zu haben. Das Gran Duo (1880) set­zt hochdrama­tisch mit einem Ouvertürenges­tus an, um sich labyrinthisch ver­spielt in salonar­tig vir­tu­ose Klangverästelun­gen zu ver­steigen, die von den Vir­tu­osen fil­igran und feinsin­nig zise­liert wer­den.
Die Gesamtleis­tung aller Mitwirk­enden macht aus dieser his­torischen Aus­grabung – Bottesi­ni war zu sein­er Zeit ein Star, geri­et aber in Vergessen­heit – ein musikalis­ches Juwel. Für die Bear­beitung des Gran Tan­go musste der Solist sein ganzes Wis­sen um die Spiel­tech­nik ein­set­zen. Zu erwarten wäre, dass es vor allem die drein­fahren­den Basssynkopen wären, die dem tief­er­en Instru­ment einen Vor­rang gegenüber dem Orig­i­nal ein­räumten. Doch tat­säch­lich ist es das intim lyrische Ele­ment, diese sehr dezente, manch­mal sog­ar fast schüchtern wirk­ende San­glichkeit, worin sich die Stärke des Arrange­ments aus­drückt. Im Zusam­men­spiel mit dem Klavier tritt der Solist sog­ar gele­gentlich in den Hin­ter­grund, was schade ist, aber wohl zu einem Instru­ment gehört, das nicht zu egozen­trisch­er Insze­nierung neigt, son­dern sich stets in den instru­men­tal­en Gesamtk­lang ein­schmiegt.
Mit dem vier­sätzi­gen Diver­ti­men­to Nino Rotas, eigens für seinen Kol­le­gen Petrac­chi geschrieben und auf dessen Instru­ment zugeschnit­ten, präsen­tiert abschließend der Kon­tra­bass seine ganze Band­bre­ite an klan­glichen und spiel­tech­nis­chen Möglichkeit­en. In ein­er Leichtigkeit und Komik, die teils zu ang­ster­re­gen­der Geschwindigkeit in den Solopas­sagen mutiert, ent­fal­ten die einzel­nen Sätze eine hohe Dra­matik, wobei beson­ders der lyrische dritte Satz den Mut zu melodis­ch­er Tiefen­lage ent­fal­tet und das klan­gliche Potentzial des Instru­ments mal zart, mal wuchtig vor Augen führt. Zu wün­schen wäre, dass nach dieser Glan­zleis­tung der gesamten Pro­duk­tion Rácz sein instru­men­tales Pro­jekt fort­set­zt und einen Kom­pon­is­ten find­et, der den Klang des Kon­tra­bass­es wei­t­er­denkt.