Werke von Enescu, Ravel und Skalkottas

Ohne Titel

Jonian Ilias Kadesha (Violine), Nicholas Rimmer (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Avi-music
erschienen in: das Orchester 01/2018 , Seite 74

Obwohl der griechisch-alban­is­che Geiger Jon­ian Ilias Kade­sha nach den Angaben im CD-Bei­heft sowie sein­er Home­page noch studiert – in Berlin bei Ulf Wallin –, hat er bere­its mit ein­er beachtlichen An­zahl renom­miert­er Kün­stler zusam­mengear­beit­et und auf diversen inter­na­tionalen Wet­tbe­wer­ben Erfolge geern­tet. Zu seinen bevorzugten Kam­mer­musik­part­nern gehört der Pianist Nicholas Rim­mer, mit dem er bere­its 2010 das Klavier­trio Gas­pard gegrün­det hat. Rim­mer ist auch sein Part­ner auf Kade­shas erster Solo-CD.Eines wird beim Hören dieser Ein­spielung sofort klar: Der 1992 in Athen geborene Kade­sha ist ein Mu­siker, der sich nicht mit Halb­heit­en zufrieden gibt, son­dern Extreme aus­lotet – klan­glich wie agogisch. Allen einge­spiel­ten Werken gemein­sam ist die Inspi­ra­tion durch folk­loris­tis­che Ele­mente bzw. – bei Mau­rice Rav­els G-Dur-Vio­lin­sonate – den Jazz. Dabei ist Kade­sha zuallererst zu danken, dass er die bei­den Kleinen Suit­en seines Lands­man­ns Nikos Skalkot­tas ins Pro­gramm genom­men hat. Noch immer ist dieser griechi­sche Schön­berg-Schüler im Musik­leben sträflich unter­repräsen­tiert. Kade­sha gelingt es her­vor­ra­gend, die kantig-dis­so­nante Ton­sprache dieser dreisätzi­gen Werke und ihre impro­visatorischen Ele­mente unter einen Bogen zu spannen.Ein freies, wildes und unge­bun­denes Musizieren jen­seits der Dikta­tur des Tak­t­strichs find­et sich auch – wie es bei diesem Werk sein soll – in Kade­shas Inter­pre­ta­tion von Rav­els Tzi­gane. Rau, wie aus dem Steg­reif musiziert, erklingt die ein­lei­t­ende Solokadenz, und im auskom­ponierten Acceleran­do des zweit­en Teils steigert sich der Geiger in einen wahren Rausch der Geschwindigkeit und der rhyth­mis­chen Akzente. Eine mitreißen­dere Deu­tung dieser Kom­po­si­tion hat man wohl lange nicht gehört.Um die Klang­w­er­dung von Frei­heit geht es auch in der 3. Vio­lin­sonate von George Enes­cu – allerd­ings kann diese Frei­heit nur durch die minu­tiöse Ein­hal­tung peni­bel­ster Spielvorschriften erzielt wer­den. Kade­sha ver­wirk­licht die enorme Vielfalt klang­far­blich­er Werte punk­t­ge­nau – eben­so wie die vierteltöni­gen Pas­sagen, die sich in Enes­cus Sonate gele­gentlich find­en. Es zeigt sich ger­ade in diesem Werk, dass für den Geiger das Suchen und Real­isieren fein­ster und aus­ge­fal­l­en­ster Klanggestal­ten eben­so wichtig ist wie das Aufzeigen der Struk­tur. So entste­ht eine in unzäh­li­gen Facetten funkel­nde Inter­pre­ta­tion dieser so dif­fizilen Komposition.Vielleicht tut Kade­sha in der Rav­el-Sonate in Sachen far­blich­er und artiku­la­torisch­er Aus­tarierung ein klein wenig zu viel. In den ersten bei­den Sätzen ist das Klavier weit deut­lich­er zu vernehmen als die Solostimme. Ein wenig mehr „großer Ton“ hätte auch und ger­ade im zen­tralen „Blues“ nicht geschadet – eben­so wenig eine deut­lichere Artiku­la­tion der Ton­höhen in den perkus­siv­en Pizzi­ca­to-Pas­sagen dieses Satzes. Kade­sha wirkt hier gele­gentlich etwas geschmäck­lerisch und manieriert. Wie gesagt: Dieser Musik­er sucht das Extrem, manch­mal eben auch auf Kosten eines abgerun­de­ten Gesamt­bilds. Let­ztlich jedoch liefert er ein CD-Debüt ab, das im besten Sinne aufre­gend genan­nt wer­den kann.
Thomas Schulz