Strauss, Richard

Werke/Kritische Ausgabe, Serie III

Symphonien und Tondichtungen, Bd. 4, Macbeth op. 23, 2. und 3. Fassung (synoptische Edition), hg. von Stefan Schenk und Walter Werbeck

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Verlag Dr. Richard Strauss
erschienen in: das Orchester 11/2017 , Seite 59

Die Werke von Richard Strauss erfreuen sich im Konz­ert­saal und auf den Opern­büh­nen großer Beliebtheit, aber die wis­senschaftliche Erforschung steckt erstaunlicher­weise in vie­len Bere­ichen noch in den Anfän­gen. Über allem schwebt noch immer das ästhetis­che Verdikt von Theodor W. Adorno, in dessen Kon­se­quenz Strauss als „Ver­räter der Mod­erne“ galt.
Die meis­ten Werke von Strauss sind zwar im Druck erhältlich, aber es fehlte bish­er eine Aus­gabe, die die musik­wis­senschaftlichen und edi­tion­sphilol­o­gis­che Vor­gaben erfüllt, wie dies Hart­mut Schick im Vor­wort erläutert. Die Kri­tis­che Aus­gabe, ein Edi­tion­spro­jekt von ca. 50 Bän­den, das einen Zeitraum von 25 Jahren umfasst, soll diese Lücke endlich schließen. Unter­stützt wird das Vorhaben durch ein inter­na­tionales Kon­sor­tium, beste­hend aus den Ver­la­gen Dr. Richard Strauss, Boosey & Hawkes, Edi­tion Peters Group und Schott Music.
Der nun erschienene Band, der sich der Tondich­tung Mac­beth op. 23 wid­met und von Ste­fan Schenk und Wal­ter Wer­beck betreut wurde, legt nicht nur die Basis für ein weit­eres span­nen­des Kapi­tel in der Strauss-Forschung, son­dern liefert auch einen wichti­gen Beitrag zur Rezep­tion­s­geschichte. Es gibt kein anderes Werk von Strauss mit ein­er solchen Entste­hungs­ge­nese, die zudem fast lück­en­los doku­men­tiert ist. Aber erst durch diesen Band ist es erst­mals möglich, die drei Fas­sun­gen angemessen zu ver­gle­ichen. Die Noten­texte der zweit­en und drit­ten Fas­sung sind syn­op­tisch ange­ord­net: Die Par­ti­tur­seit­en ste­hen jew­eils einan­der gegenüber. Die Frag­mente der ersten Fas­sung sowie der Klavier­auszug zu vier Hän­den der zweit­en Fas­sung sind eben­falls abge­druckt.
In der Ein­leitung liefert Wal­ter Wer­beck wichtige Infor­ma­tio­nen zu den einzel­nen Fas­sun­gen. Diese fachkundi­ge Ein­leitung liefert – das sollte auch ein­mal betont wer­den – nicht nur ein ken­nt­nis­re­ich­es, son­dern auch span­nen­des Leseer­leb­nis.
Die Tat­sache, dass Quel­lenbe­stand, Quel­lenbeschrei­bung, Quel­len­be­w­er­tung, Edi­tion­sweise und edi­torische Ein­griffe jew­eils in einem Kapi­tel behan­delt wer­den, erle­ichtert die Arbeit unge­mein, wie auch ein kosten­los­es dig­i­tales Ange­bot, das Briefe, Rezen­sio­nen, Bilder, Lied­texte usw. umfasst. Ein­drucksvoller kann man die kon­se­quente Umset­zung ein­er his­torisch-kri­tis­chen Herange­hensweise nicht doku­men­tieren. Ein­band und Papierqual­ität sind tadel­los.
Es erscheint mir nicht unwichtig, auf den Mut der Ver­ant­wortlichen hinzuweisen, das Unter­fan­gen dieser Gesam­taus­gabe in der heuti­gen Zeit, in der stets von Effizienz und Kos­ten­deck­ung gere­det wird, zu wagen. Trotz des recht hohen Preis­es von 280 Euro dürfte ei­ne Kos­ten­deck­ung für diesen Band nicht zu erre­ichen sein, aber die Syn­ergieef­fek­te, wie es in der mod­er­nen Wirtschaftssprache genan­nt wird, dürften erhe­blich sein.
Michael Pitz-Grewenig