Röntgen, Julius

Werke für Violine und Violoncello

Oliver Kipp (Violine), Katharina Troe (Violoncello)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Thorofon CTH2628
erschienen in: das Orchester 06/2016 , Seite 74

Sink­ende Pro­duk­tion­skosten und der ständig steigende Druck zur Dif­feren­zierung scheinen bei­de gle­icher­maßen die Veröf­fentlichung immer neuer „Gesam­tauf­nah­men“ und Ein­spielun­gen von Nis­chen­reper­toire zu begün­sti­gen. Zu Zeit­en, in denen Bachs Par­titen und Sonat­en für Vio­line solo und dessen Cel­losuit­en bere­its dutzend­fach mit den besten Solis­ten auf dem Plat­ten­markt zur Ver­fü­gung ste­hen, kommt dann auch ein Kom­pon­ist wie Julius Rönt­gen zu umfan­gre­icheren disko­grafis­chen Ehren.
Rönt­gen, der heute wohl nur ein­er erweit­erten Cel­lis­tenge­meinde bekan­nt sein dürfte, hat neben dem tiefen Stre­ichin­stru­ment in sein­er Kam­mer­musik vor allem auch die Vio­line bedacht. Im Ver­wandten- und Fre­un­deskreis gab es der­maßen viele auch dur­chaus bekan­nte und in her­aus­ge­hobe­nen Posi­tio­nen des Musik­lebens ste­hende Geiger und Cel­lis­ten, dass die recht große Anzahl an Solow­erken für die jew­eili­gen Instru­mente nicht son­der­lich ver­wun­dert. Und wenn Julius Rönt­gen dann an ein paar Stellen dieser (für spätro­man­tis­che Ver­hält­nisse) meist recht knapp gehal­te­nen Stück­en über das rein Epigo­nen- oder Etü­den­hafte hin­aus­ge­ht, mag das vielle­icht an eben jenen inspiri­eren­den „Wid­mungsträgern“ liegen.
Vieles indes ver­mag nicht zu hal­ten, was das über­große musikalis­che Vor­bild – in vie­len Fällen eben Johann Sebas­t­ian Bach – ver­spricht. Die je drei Suit­en und Sonat­en für Vio­line solo op. 86 sind zwar dur­chaus barock-klar kon­turi­ert und überzeu­gend in der Lin­ien­führung, es man­gelt ihnen jedoch bisweilen an musikalis­chem Feuer oder, gemessen am Entste­hungs­jahr 1921, ein­er mod­erneren Ton­sprache. Etwas überzeu­gen­der und weniger akademisch, weil deut­lich prononciert­er in der musikalis­chen Sprache erscheinen die Werke für Solovi­o­lon­cel­lo. Hier find­et Julius Rönt­gen auch dur­chaus ein­mal zu größeren For­men und klan­glich und har­monisch orig­inelleren Lösun­gen. Die bei­den Rhap­so­di­en über Amerikanis­che Negro-Songs in sehr freier Anlage und mit je gut zehn Minuten Spiel­d­auer seien hier­für als Beispiele genannt.
Oliv­er Kipp (Vio­line) und Katha­ri­na Troe (Vio­lon­cel­lo) haben Rönt­gens Werke für die vor­liegende CD-Box von Tho­ro­fon äußerst präzise und dif­feren­ziert einge­spielt. Auch an der den Stre­icherk­lang sehr natür­lich und räum­lich präsent ein­fan­gen­den Ton­tech­nik und dem aus­führlichen Beglei­theft ist nicht das Ger­ing­ste auszuset­zen. Und wenn Oliv­er Kipp und Katha­ri­na Troe dann nach den etwas enzyk­lopädisch wirk­enden Zusam­men­stel­lun­gen der ersten bei­den CDs auf der drit­ten gemein­same instru­men­tale Sache machen, kommt der Hör­er mit ein­er vier­sätzi­gen Sonate für Geige und Cel­lo und ein­er Vari­a­tio­nen­rei­he für dieselbe Beset­zung noch in den Genuss zweier sehr wohl vorzeig­bar­er kam­mer­musikalis­ch­er Miniaturen.
Daniel Knödler