Chopin, Frédéric

Werke für Cello und Klavier

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical 88697671702
erschienen in: das Orchester 03/2011 , Seite 69

Das anmutige Largo aus der g‑Moll-Sonate op. 65 ist vielle­icht die innig­ste, intim­ste Musik, die Frédéric Chopin für Klavier und Cel­lo geschrieben hat. David Geringas spielt seine Kan­ti­lene nicht nur wie andere große Kol­le­gen sehr san­ft und gefüh­lvoll mit war­men Far­ben, son­dern auch mit ein­er beson­deren Intro­vertiertheit und Ele­ganz, die dem Charak­ter dieses Satzes zugute kommt. Der intime Klang seines Instru­ments kommt ihm dabei sehr ent­ge­gen, und auch sein Klavier­part­ner Ian Foun­tain sorgt mit sein­er sub­tilen Pianokul­tur dafür, dass alles wie aus einem Guss wirkt.
Chopin schrieb diese Sonate, die wie die bei­den Brahms-Sonat­en für Klavier und Vio­lon­cel­lo dem Pianis­ten den Haupt­part zuweist, in den Jahren 1845 und 1846. Mit der Vol­len­dung tat sich der pol­nis­che Roman­tik­er schw­er: Bei seinem let­zten öffentlichen Konz­ert anno 1848 mit dem befre­un­de­ten franzö­sis­chen Cel­lis­ten Auguste-Joseph Fran­chomme ließ er den ersten Satz, das Alle­gro mod­er­a­to, aus. Aus per­sön­lichen Grün­den, wie einige Musik­wis­senschaftler ver­muten (kurz zuvor war Chopins Beziehung zu George Sand zer­brochen). Dieser Satz ist wie das Largo von lan­gen Melodiebö­gen bes­timmt, fordert bei­de Inter­pre­ten aber auch als Vir­tu­osen her­aus. Mit grazil­er Leichtigkeit meis­tern Geringas und Foun­tain ihre raschen Ton­fol­gen. Fran­chomme, der wie viele berühmte Stre­ich­er des 19. Jahrhun­derts neben sein­er Solis­ten­tätigkeit kom­ponierte, schrieb ver­mut­lich auch den Cel­lopart zu Chopins Grand Duo con­cer­tant, in das The­men aus der erfol­gre­ichen Oper Robert le Dia­ble von Gia­co­mo Meyer­beer ein­flossen.
Das Tolle an dieser Ein­spielung ist, dass man dem mit­tler­weile 64-jähri­gen Weltk­lasse­cel­lis­ten Geringas nicht anmerkt, dass er diese Stücke schon unzäh­lige Male gespielt hat. So besitzen seine Inter­pre­ta­tio­nen auch all das, was man gemein­hin den jugendlichen Heißs­pornen sein­er Schü­ler­gen­er­a­tio­nen attestiert: Frische, Schwung, Vital­ität. Beson­ders hör­bar wird das bei der Intro­duk­tion und Polon­aise bril­lante op. 3, ein beson­ders hochvir­tu­os­es Stück, dessen Klavier­part so anspruchsvoll ist wie viele von Chopins Klavier­stück­en, wen­ngle­ich auch seine späteren großen Polon­aisen nicht ganz so leicht daherkom­men.
Mit Chopins schmalem Orig­i­nal­reper­toire für sein Instru­ment wollte sich David Geringas jedoch nicht beg­nü­gen. So fügt er auf sein­er CD noch einige Lieder hinzu, die er selb­st für Cel­lo und Klavier bear­beit­et hat. Es sind sieben der ins­ge­samt 19 Lieder op. 74 für Singstimme und Klavier. Die charak­ter­lich sehr unter­schiedlichen Stücke erin­nern in ihrer Schlichtheit an die Klavier­stücke aus Robert Schu­manns Album für die Jugend.
Solche bis­lang unge­hörten, reizvollen Lied­bear­beitun­gen erweisen sich als kost­bare Ent­deck­un­gen – einige tech­nisch nicht allzu anspruchsvolle darunter auch als Anre­gung für den begeis­terten Ama­teur­cel­lis­ten. David Geringas und Ian Foun­tain, die gemein­sam schon viele Konz­erte bestrit­ten und etwa auch sämtliche Beethoven-Sonat­en für Vio­lon­cel­lo und Klavier einge­spielt haben, erweisen sich dabei ein­mal mehr als ide­ale Part­ner. Tech­nis­che Meis­ter­schaft, Sen­si­bil­ität im Zusam­men­spiel, stilis­tis­che Vielfalt und musikalis­che Reife zeich­nen dieses homo­gene Duo aus und machen ihre Chopin-CD somit run­dum zu ein­er Empfehlung.
Kirsten Liese