Stenger, Alfred

Wege zum Korrepetieren

Musikalische Gestaltung von Opern-Klavierauszügen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Florian Noetzel, Wilhelmshaven 2009
erschienen in: das Orchester 12/2010 , Seite 67

Alfred Stenger beschließt seine Wege zum Korrepetieren mit der Bemerkung: „Durch die Vielzahl und stilistische Heterogenität der Notenbeispiele, aber auch durch die konkreten und zugleich kurz gefassten Spielanweisungen mag der Eindruck entstanden sein, das vorliegende Übungsbuch stelle die handwerklichen Aspekte allzu sehr in den Vordergrund. Versuchen Sie, diese handwerklichen Aspekte als notwendige Basis zu verstehen und nicht als eine sich verselbstständigende Einheit.“
Tatsächlich ist Stengers Buch ein Arbeitsbuch, das – gespickt mit 185 hervorragend ausgewählten Notenbeispielen und genauen, unprätentiösen, immer sachlich-zweckdienlichen spieltechnischen Hinweisen, Empfehlungen, Vor- und Ratschlägen – wirklich durchgearbeitet sein will. Hinzu kommen dann noch „Exkurse“ zu einzelnen Opern wie La Bohème, La Traviata, Eugen Onegin, Rosenkavalier und Tristan und Isolde, mit denen umfangreichere Szenen paradigmatisch durchgenommen werden.
Alfred Stenger (*1948) ist nach seinem Ausbildungsgang und seinen Tätigkeiten der ideale Autor eines solchen Arbeitsbuches. Er studierte Musikwissenschaft, Komposition und Dirigieren, unterrichtete seit 1992 an der Musikhochschule Karlsruhe Partiturspiel und ist seit 2009 Dozent für Partiturspiel an der Weimarer Musikhochschule.
Ein Klavierauszug ist für ihn ein Mittel, mit dessen Hilfe ein Bühnenwerk musikalisch im nachdrücklichen Sinne einstudiert werden soll. Entsprechend bieten seine Kommentare nicht nur Hinweise zur Realisierung des spieltechnisch oft höllisch schweren, manchmal sogar geradezu unspielbaren Notentextes mit geschickten, manchmal geradezu listigen Vorschlägen zur Aufteilung von Stimmen oder Akkorde auf die Hände, zum Auslassen von Akkordtönen usw., sondern zugleich immer auch zum musikalischen Charakter der jeweiligen zitierten Takte. Zu fünf vertrackten Takten etwa aus Puccinis Gianni Schicchi heißt es: „Das Brio der Musik erleichtert korrepetitorische Entscheidungen: Spontan können einzelne Töne ausgelassen werden. Wichtig jedoch scheint, die sich zwischen den Außenstimmen abzeichnenden Parallelbewegungen klar zum Ausdruck zu bringen.“
Seine Anregungen zum freien Umgang mit dem Notentext sind dadurch gerechtfertigt, dass ein Klavierauszug als Hilfsmittel kein Text ist, der notengetreu zu interpretieren ist. Wertvoll und beherzigenswert ist auch sein Vorschlag, den Klaviersatz der Auszüge zur Einstimmung in den musikalischen Stil den originalen Klavierwerken der Komponisten vergleichend gegenüberzustellen. Da Stenger Beispiele aus allen Stilrichtungen seit der Wiener Klassik berücksichtigt, wird jeder, der dieses Buch durchgearbeitet hat, als Korrepetitor vor keinen unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten mehr kapitulieren!
Giselher Schubert