Heiko Cullmann/Michael Heinemann (Hg.)

… was verloren ging“

Operettenkultur nach 1933. Beiträge einer Tagung der Staatsoperette Dresden

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Thelem, Dresden
erschienen in: das Orchester 11/2019 , Seite 60

Ihre Wider­borstigkeit kon­nten die Nation­al­sozial­is­ten der Operette nicht aus­treiben, aber sie kappten ihre wesentlichen Wurzeln. Als sie sys­tem­a­tisch jüdis­che Kom­pon­is­ten und Libret­tis­ten von der Bühne ver­trieben, zeigte sich, „was ver­loren ging“. So der Titel eines Buchs, das Beiträge ein­er Tagung der Staat­sop­erette Dres­den zur „Operettenkul­tur nach 1933“ ver­sam­melt.
In ihrem Vor­wort schaf­fen es die bei­den Her­aus­ge­ber, das Präg­nante und Wesentliche dieses Umbruchs darzustellen. Die „Gle­ich­schal­tung“ habe nicht das Ende aller Plu­ral­ität bedeutet, aber große Auswirkun­gen auf Kun­st und All­t­ag der von den „Rasse­gesetzen“ Betrof­fe­nen gehabt. Diese wer­den im Fol­gen­den dargestellt, hin­aus­ge­hend über das, was man in Operette unterm Hak­enkreuz (eben­falls von der Staat­sop­erette Dres­den) bere­its lesen kon­nte.
Unter dem schö­nen Titel „Knob­lesse oblige“ schildert Ste­fan Frey, wie die Operette sin­nentleerte Kon­ven­tio­nen unter­lief und tradiertes Bil­dungsgut in den „Fun­dus höheren Blödsinns“ ein­stellte. Am Beispiel von Leo Falls Die spanis­che Nachti­gall zeigt er, wie dieser US-amerikanis­chen Jazz auf­griff und par­o­dierte. Der Über­fall auf die Gebrüder Rot­ter 1933, den Peter Kam­ber aus­führlichst darstellt, ist eher ein Neben­the­ma. Auch Christoph Schwandt kommt in seinem Auf­satz zur let­zten Operette der Weimar­er Repub­lik, Jaromír Wein­berg­ers Früh­lingsstürme, nicht auf den Punkt. Zudem schreibt er ver­harm­losend von der „Machtüber­gabe“ an die Dik­ta­toren. Wichtig sind die Schilderun­gen, wie der Heimweg nach der 29. Vorstel­lung am bren­nen­den Reich­stag vor­beiführte, und von Richard Taubers Ergeben­heit­sadresse an die Nation­al­sozial­is­ten, was Thomas See­dorf in seinem Artikel auf­greift. „Ich singe über­haupt keine Operetten, ich singe nur Léhar“, zitiert er den Sänger.
„Der höchst orig­inell ver­ruchte jazz­ige Duk­tus machte Ábrahám um 1930 einzi­gar­tig und avant­gardis­tisch“, schreibt Karin Meesmann über den Kom­pon­is­ten Pál Áb­ra­hám und ver­gle­icht authen­tis­chen Jazz und deutsche Tan­zorch­ester sowie Live- und Kon­ser­ven­musik. Gisel­her Schu­bert schafft es, wie viele Autoren, am Beispiel von Kurt Weills Der Kuh­han­del, das Beson­dere dieser Musik fast hör­bar zu machen – ein großes Plus des Ban­des.
Der grundle­gende Beitrag kommt am Schluss, Boris Kehrmanns „Starthe­ater ohne Stars“. Am Beispiel Eduard Rogatis zeigt er, wie Nos­tal­gie, Heimat­seligkeit, alte Frauen­bilder und „kalkulierte Unschärfe“ wieder Einzug hiel­ten, Erich Wolf­gang Korn­gold „Klon-Operetten“ schrieb. Man hält die Luft an, liest man, dass kurz nach dem Über­fall auf Polen der Bet­tel­stu­dent „ent­polonisiert“ wurde, die Schlager des im KZ ermorde­ten Friedrich Löh­n­er-Be­­da gesun­gen und gesendet, jüdis­che Texte instru­men­tal unter­schla­gen wur­den. Am Ende regt er an, doch lieber zu fra­gen, „,was ver­loren ging‘, als Prov­inzregis­seure und -ästhetik den Ton angaben“. Beachtlich. Es wäre schön, wenn diese wichtige Rei­he unter der neuen Inten­dan­tin fort­ge­set­zt würde.
Ute Grund­mann