Eckart Altenmüller
Warum wir Musik zum Überleben mehr denn je brauchen
Ein Plädoyer für aktives Musizieren
Im Juni 1930 erhielt der Dirigent Wilhelm Furtwängler die Zuschrift eines ratlosen Konzertbesuchers, der den renommierten Pultstar fragte, ob er ihm Gründe nennen könne, warum sich bei ihm – im Gegensatz zu den anderen Konzertbesuchern – das erhoffte musikalisch-genussreiche Erlebnis nicht im Geringsten eingestellt habe. Furtwängler nahm sich immerhin die Zeit, auch diese Anfrage kurz zu beantworten. Er teilte dem Hörer mit, dass dieser Sachverhalt außerordentlich selten sei.
Nach der Lektüre des neuesten Buchs von Eckart Altenmüller verfügt der Leser über das Rüstzeug, die in diesem Briefwechsel angeschnittene, wie aus dem Leben gegriffene und zeitlose Problematik besser einzuordnen, denn sie führt in das thematische Zentrum dieses Buchs: Möglicherweise gehört der Konzertbesucher, der offenbar darunter leidet, dass ihn Musik emotional nicht anspricht, zu den sehr wenigen Personen (1,5 bis 4 Prozent der Menschen; Altenmüller, S. 18), die von der sehr seltenen „Amusie“ betroffen sind, einer angeborenen Störung, die tatsächlich „in der Regel durch Training nicht verbessert werden kann“ (Altenmüller, S. 18). Hier liegt Furtwängler, der sich offenbar ganz auf sein Erfahrungswissen bezieht, völlig richtig. Seine tröstend gemeinte Aussage, man könne, sofern wiederholtes Hören (auch dies aus hirnphysiologischer Sicht prinzipiell kein schlechter Ratschlag; s. Altenmüller, S. 57 ff.) nicht zum Erfolg führt, ggf. auch ohne Musik glücklich werden, wäre jedoch nach den Forschungen der letzten Jahre entscheidend zu modifizieren: Mit Musik geht es dem Menschen in allen Dimensionen und Lebensphasen wesentlich besser als ohne (Altenmüller, S. 164). Diese These thematisch in sieben Kapitel aufzufächern und anhand der aktuellen neurobiologischen und hirnphysiologischen Faktenlage zu erhärten, um daran in Gestalt eines abschließenden, zusammenfassenden „Musikmanifestes“ (S. 158) ein leidenschaftliches Plädoyer für eine stärkere Einbindung von Musik und aktiver Musikpraxis (singen, tanzen, spielen, hören) in den Alltag zu knüpfen: Das ist die Absicht dieser Publikation.
Altenmüllers flüssig zu lesendes, allgemeinverständlich geschriebenes und lehrreiches Buch bietet wertvolle Bereicherung für all diejenigen, die sich für Musik und Musiktherapie interessieren, die Musik machen, gerne machen möchten oder lehren, und gründet auf dem reichen Forschungsertrag und -wissen einer außerordentlichen Forscherpersönlichkeit, die zu den international bedeutendsten Musikmedizinern zählt.
Hinzuzufügen wäre noch, dass Altenmüllers Publikation ein geradezu exemplarisches Beispiel für die sogenannte „Third Mission“ verkörpert, worunter man den Auftrag von Universitäten und Hochschulen versteht, neben Forschung und Lehre eben auch wissenschaftliches Wissen zum Wohle der Allgemeinheit nutzbar zu machen.
Andreas Eichhorn


