Ulrike Schwanse

Wann gehen wir wieder ins Familienkonzert?“

Eine empirische Längsschnittstudie über die Erfolgsfaktoren einer langfristigen Kooperation von Konzertveranstaltern und Grundschulen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Lit, Münster
erschienen in: das Orchester 06/2021 , Seite 63

Nein, der Titel des Buch­es ist nicht die Frage eines durch den Coro­na-Lock­down unter Konz­er­tentzug lei­den­den Kindes. Er ist vielmehr die Quin­tes­senz langjähriger inten­siv­er Forschungsar­beit. Seit über 20 Jahren befasst sich Ulrike Schwanse mit der Konzep­tion und der Wirkung von Fam­i­lienkonz­erten. Nach ihrer Dis­ser­ta­tion aus dem Jahr 2003 hat sie die Ergeb­nisse ihrer zwölfjähri­gen Forschungsar­beit zum Gegen­stand ihrer Habil­i­ta­tion an der Uni­ver­sität Mün­ster gemacht. Wesentliche Erken­nt­nisse ihrer Stu­di­en veröf­fentlichte die Autorin bere­its im Okto­ber-Heft 2020 dieser Zeitschrift (S. 28 ff.).
Es lohnt sich aber, die gesamte Pub­lika­tion in die Hand zu nehmen. Vor allem dann, wenn man in einem Opern- oder Konz­erthaus, in ein­er Rund­funkanstalt oder bei einem Orch­ester für Dra­maturgie, Musikver­mit­tlung oder in der kün­st­lerischen Leitung tätig ist.
In den ver­gan­genen 20 Jahren haben sich musikpäd­a­gogis­che Ange­bote von Orch­estern quan­ti­ta­tiv und qual­i­ta­tiv mas­siv entwick­elt. Und das ist auch gut so. Den­noch ist der Erfolg von Ver­mit­tlungsar­beit, vor allem für Kinder im Grund­schu­lal­ter, von vie­len Fak­toren abhängig. Welche das im Einzel­nen sind, darüber liefert das Buch wesentliche Erken­nt­nisse, die die qual­i­ta­tive Weit­er­en­twick­lung von Konz­ert- und Ver­mit­tlungsange­boten für Fam­i­lien und Grund­schulen gewiss vorantreiben werden.
Nach ein­er Erläuterung der grund­sät­zlichen Prob­lem­stel­lung der Musikver­mit­tlung und der Entwick­lung des Konz­ert­pub­likums erläutert die Autorin ihr Forschungs­de­sign, welch­es sie unter mehrjähriger Betra­ch­tung von Fam­i­lienkonz­erten in Mühlheim und Essen in der Prax­is umge­set­zt hat. Eine wichtige Rolle spie­len hier­bei wieder­holte Befra­gun­gen von Grund­schulleit­ern und Lehrkräften, die Auswer­tun­gen von Besucherzahlen, Kartenbestel­lun­gen durch Schulen, Anmel­dun­gen zu Lehrerfort­bil­dun­gen, Vor­bere­itun­gen der Schüler im Unter­richt, Res­o­nanz von Schülern und Eltern auf Konz­ertbe­suche und viele weit­ere Aspekte.
Als wis­senschaftliche Arbeit ist das Buch naturgemäß sehr sys­tem­a­tisch aufge­baut und gegliedert, aber keines­falls ermü­dend bei der Lek­türe. Erken­nt­nisse aus den Befra­gun­gen sind in ver­schiede­nen Grafik­for­mat­en dargestellt, beson­ders aus­sagekräftige State­ments von Lehrern, Schülern und Eltern in grau unter­legten Kästen optisch ansprechend hervorgehoben.
Zusam­men­fassend wird deut­lich, welche beson­dere Rolle die ziel­gerichtete Zusam­me­nar­beit zwis­chen Grund­schulen und Konz­ertver­anstal­tern für eine nach­haltige Entwick­lung des Konz­ert- und Opern­pub­likums hat. Gute Ver­mit­tlungsar­beit kann junge Men­schen für ihr weit­eres Leben prä­gen und zu ein­er lebenslan­gen Affinität zu klas­sis­ch­er Musik führen. Uneingeschränk­te Leseempfehlung!
Ger­ald Mertens