Bedrich Smetana

Vyšehrad

Urtext, hg. von Hugh Macdonald, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter
erschienen in: das Orchester 06/2020 , Seite 64

Die Bären­re­it­er-Einze­laus­gaben aus Bedřich Smetanas sech­steiligem Orch­esterzyk­lus Mein Vater­land über­liefern den defin­i­tiv­en Noten­text dieser bedeu­ten­den Tondich­tun­gen. Betreut wurde auch diese Neuaus­gabe des Eröff­nungsstücks „Vyšehrad“ vom britis­chen Musik­wis­senschaftler Hugh Mac -don­ald. Edi­torisch gibt es keine großen Änderun­gen im Ver­gle­ich zur 2013 von Bären­re­it­er wieder­aufgelegten Urtext-Gesamte­di­tion des Zyk­lus Mein Vater­land (beruhend auf der Stu­di­en­aus­gabe der Smetana-Edi­tion von Fran­tišek Bar­toš von 1966). Lediglich einige Details fall­en beim Ver­gle­ich der bei­den Par­ti­turen auf, etwa die Dynamik­beze­ich­nun­gen betr­e­f­fend. Zum Beispiel fall­en die im „Più mosso“-Abschnitt („a 2 bat­tute“, T. 192) in der alten Aus­gabe in eck­ige Klam­mern ergänzten Sforza­to-Angaben in Vio­li­nen und Pauken nun weg; nur die Holzbläs­er markieren den Akzent auf der zweit­en Zäh­lzeit des ersten Tak­ts. Ob sich solch ein Detail inner­halb dieser Forte-For­tis­si­mo-Pas­sage bei ein­er Auf­führung bemerk­bar macht, ist in diesem Fall zweitrangig. Die zusät­zlichen Sforzatos der älteren Aus­gabe beruht­en ver­mut­lich auf Erfahrun­gen von Diri­gen­ten. Für eine wis­senschaftliche Edi­tion ist das aber nicht rel­e­vant. Hier geht es um die genaue Über­liefer­ung des Noten­textes im Sinne der Nieder­schrift des Kom­pon­is­ten. In diesem Fall zog Mac­don­ald als Haup­tquelle die auto­grafe Par­ti­tur her­an, been­det am 18. Novem­ber 1874. Außer­dem berück­sichtigte er Smetanas Manuskript des vier­händi­gen Klavier­auszugs (vom 18. Juli 1875). Er ver­glich den Noten­text zudem mit den ersten Druck­aus­gaben von Par­ti­tur und Klavier­auszug.
Beson­ders der 1880 bei Urbánek in Prag her­aus­gegebene Par­ti­tur-Erst­druck von „Vyšehrad“ enthält „eine große Zahl an Druck­und Lese­fehlern“, erkärt Mac­don­ald in ein­er Edi­tion­sno­tiz. Auch fehlen dort viele Aus­drucks­beze­ich­nun­gen und Dynamikangaben. Die meis­ten davon wur­den bere­its in der 2013 wieder­aufgelegten Bar­toš-Aus­gabe ergänzt. Dort find­et sich auch der Hin­weis, dass die berühmte Eröff­nung mit zwei Har­fen not­falls auch von ein­er gespielt wer­den kann. Abso­lut lesenswert ist das Vor­wort der Musik­wis­senschaft­lerin und Smetana-Spezial­istin Olga Mojžíšová. In den achtein­halb Spal­ten ihres Textes wird man über alle Details zur Entste­hungs­geschichte dieser Tondich­tung informiert, die mit dem „Vyšehrad“-Thema eine Art Leit­mo­tiv des gesamten Zyk­lus Mein Vater­land ein­führt. Die Prager Burg Vyšehrad ist ein Nation­aldenkmal der tschechis­chen Geschichte. In ein­er Pro­gramm­no­tiz schrieb Smetana damals seinem Ver­leger: „Die Har­fen der Bar­den begin­nen: Der Bar­denge­sang über die Ereignisse auf dem Vyšehrad, über den Ruhm, den Glanz, Turniere, Kämpfe, bis schließlich zum Ver­fall und den Ruinen. Das Stück endet mit elegis­chen Klängen.(Nachgesang der Bar­den).“ Das ist schon eine recht anschauliche Beschrei­bung des Ablaufs dieser Tondich­tung. Nach diesen Vor­gaben ent­standen auch die bekan­nten Inhalt­sangaben zu allen Tondich­tun­gen von Václav Vladimir Zelený.
Matthias Corvin