Wellesz, Egon

Vorfrühling/Leben, Traum und Tod/Lied der Welt/Sonette der Elizabeth Barrett Browning/Ode an die Musik/Vision/Symphonischer Epilog

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Capriccio 67 077
erschienen in: das Orchester 10/2004 , Seite 85

Robert Lay­tons Artikel über Egon Wellesz in Grove’s Dic­tio­nary enthält zwei bemerkenswerte Äußerun­gen, die schlaglichtar­tig den Kom­pon­is­ten und Wis­senschaftler Wellesz (1885–1974) charak­ter­isieren und zugle­ich andeuten, weshalb sein Œuvre beina­he vergessen ist: „Gemessen an der Strenge seines Wiener Erbes“, so Lay­ton, „war Wellesz außergewöhn­lich weit­blick­end.“ Und: „Als Kom­pon­ist war Wellesz nicht im Voraus berechen­bar.“ In der Tat haben wir es mit ein­er Per­sön­lichkeit zu tun, die sich jed­er Schubladen-Einord­nung entzieht: 19-jährig gehörte er – gemein­sam mit Alban Berg und Anton Webern – zur ersten Wiener Schü­ler­gen­er­a­tion Arnold Schön­bergs und studierte zugle­ich Musik­wis­senschaft bei Gui­do Adler.
Bald begann eine erfol­gre­iche Dop­pelka­r­riere: 1915 schloss er einen Kom­pon­is­ten­ver­trag mit der Uni­ver­sal Edi­tion, das Wiener Kon­ser­va­to­ri­um berief ihn als Lehrer und an der Uni­ver­sität erhielt er eine Pro­fes­sur. Vor 1933 zählte Wellesz zu den meis­taufge­führten Kom­pon­is­ten im deutschsprachi­gen Raum, die gemein­sam mit Hugo von Hof­mannsthal ver­fasste Oper Alkestis wurde sein größter Erfolg. Einen Namen machte er sich in dieser Zeit auch als Forsch­er, ins­beson­dere auf den Spezial­ge­bi­eten „Geschichte der Wiener Oper“ und „Byzan­ti­nis­che Musik“: Ihm gelang erst­mals die Entz­if­fer­ung früh­byzan­ti­nis­ch­er Nota­tion, sein diesem The­ma gewid­metes Buch gilt noch heute als Stan­dard­w­erk. Öster­re­ichs „Anschluss“ im Jahr 1938 markiert einen Bruch im Leben von Egon Wellesz. Zwar kon­nte er auf­grund langjähriger Ver­bun­den­heit mit dem englis­chen Musik­leben seit den 30er Jahren in Oxford seine Lehrtätigkeit naht­los fort­führen, der Kom­pon­ist indes schwieg bis nach 1945. Mit seinen späten wiewohl zahlre­ichen Werken kon­nte Wellesz nicht mehr an die frühen Erfolge anknüpfen.
Von dieser reichen Vita und ihren Resul­tat­en kün­det die vor­liegende Porträt-CD. Capric­cio hat in Koop­er­a­tion mit Deutsch­landRa­dio Berlin eine echte Pio­nier­tat voll­bracht. Begleit­et durch einen umfan­gre­ichen, kom­pe­ten­ten Book­let-Text lassen die einge­spiel­ten Werke aus einem Zeitraum von 57 Jahren das Bild eines Kom­pon­is­ten entste­hen, dessen Sym­pa­thie für unter­schiedliche Stile und Aus­drucks­for­men zu einem hohen Maß an Unab­hängigkeit in der Erkun­dung der eige­nen musikalis­chen Sprache führte. Atonale und zwölftönige Struk­turen find­en wie selb­stver­ständlich ihren Platz in ein­er von der Idee des Zen­tral­tons (nicht zu ver­wech­seln mit tra­di­tioneller Har­monik) nie abwe­ichen­den Musik.
Regi­na Klep­per, Sophie Koch, das Deutsche Sym­phonie-Orch­ester Berlin und Diri­gent Roger Epple – viel gefragter GMD des Opern­haus­es Halle – inter­pretieren die Werke kom­pe­tent und machen Appetit auf mehr: Wann hören wir in Neuauf­nah­men Pros­per­os Beschwörun­gen, wann die Opern, Chor­w­erke, Sin­fonien? Kleine Schwächen dieser Pro­duk­tion – ein leicht­es Flack­ern dominiert den Klang der Sopranstimme, einige exponierte Töne in den schwieri­gen Geigen­parts sind nicht makel­los intoniert – schmälern in kein­er Weise Hör­genuss und Wissenszuwachs.
 
Ger­hard Anders