Plass, Christoph

Von wegen Folklore

Seit zehn Jahren gibt es die Roma und Sinti Philharmoniker Frankfurt am Main, ein Projektorchester mit gut 60 Musikern

Rubrik: Zwischentöne
erschienen in: das Orchester 05/2013 , Seite 43

Ric­car­do M. Sahi­ti ist ein Bohrer. Keine dieser Schlag­bohr-Maschi­nen, die bin­nen Sekun­den ein Loch in die Wand don­nern, auch kein­er dieser Zah­narzt-Appa­rate, die sir­rend den Patien­ten piek­sen und dann zurück in die Hal­terung gesteckt wer­den: Ric­car­do M. Sahi­ti ist wie eines jen­er Geräte, mit denen man einen Tun­nel durch einen Berg fräsen kann. Mit langsamen Umdrehun­gen gräbt er sich voran, baut sacht­en aber kon­stan­ten Druck aufs Gestein auf, braucht nur ein wenig Wass­er zum Gleit­en bisweilen. Sein Ziel: eine Stelle ganz tief im Innern jenes Berges mit Namen Musik, wo der für ihn größte Schatz ver­graben ist – das Ver­mächt­nis seines Volksstammes, der Roma, an all die Kom­pon­is­ten und Musik­er der Erde. „Wir haben der Welt so viel gegeben“, sagt er. „Und lange hat sie uns nichts zurück­gegeben.“ Ein biss­chen zumin­d­est hat sich das nun geän­dert.
Ric­car­do M. Sahi­ti ist Grün­der, Vor­sitzen­der und kün­st­lerisch­er Leit­er der Roma und Sin­ti Phil­har­moniker mit Sitz in Frank­furt. Vor zehn Jahren hat er das Orch­ester mit dem Ziel ins Leben gerufen, ins­beson­dere die musikalis­chen Werke aufzuführen, die in der Kul­tur der bei­den Volksstämme ver­wurzelt oder die durch sie inspiri­ert sind. Das hat nichts mit Folk­lore zu tun, betont er: „Die großen Kom­pon­is­ten haben uns gese­hen und gehört – und haben sich durch unsere Musik inspiri­ert gefühlt.“ Beethoven, Liszt oder Bizet seien Welt­bürg­er gewe­sen, sie hät­ten genau gewusst, worin das Ver­mächt­nis der bei­den Volksstämme liege und wie man es der Welt nahe brin­gen könne. Von Brahms Ungarischen Tänzen bis zum Strauߒschen Zige­uner­baron gebe es viele pop­uläre Beispiele. „Das waren damals Koop­er­a­tio­nen zwis­chen Men­schen“, sagt Sahi­ti. „Jed­er hat etwas gegeben und etwas dafür bekom­men, unab­hängig von sein­er Herkun­ft.“ Das, was die musikalis­che Welt in ihren guten Epochen geschafft hat, hat die Poli­tik später jedoch gründlich ver­saut. Auch ein Grund für die Exis­tenz der Roma und Sin­ti Phil­har­moniker – des einzi­gen Orch­esters sein­er Art auf der Welt.
Das Orch­ester ste­ht unter dem Schirm des Phil­har­monis­chen Vere­ins der Sin­ti und Roma Frank­furt am Main, den Ric­car­do M. Sahi­ti und einige wenige Mit­stre­it­er 2001 gegrün­det haben. Doch Aufmerk­samkeit erre­gen die Musik­er erst seit einem guten Jahr: Noch Anfang 2011 saßen bei einem Zeitungsin­ter­view zehn, 15 Leute in sein­er Küche zusam­men, aus denen das Orch­ester bestand. Ihr Ziel: Die Gruppe bis zum Herb­st auf Phil­har­monie-Stärke aufzu­s­tock­en und beim Beethoven­fest Bonn zu spie­len. Das haben sie dann auch gemacht.
Die Roma und Sin­ti Phil­har­moniker sind ein Pro­jek­torch­ester mit gut 60 Musik­ern, sieben oder acht Konz­erte geben sie pro Jahr. Die Mit­glieder gehören alle­samt einem der bei­den Volksstämme an, sind sämtlich pro­fes­sionelle Musik­er. In den Orch­ester­rei­hen sitzen Mit­glieder der Wiener Phil­har­moniker und des MDR Sin­fonieorch­esters Leipzig, andere kom­men aus den großen Orch­estern in München, Budapest, Lux­em­burg oder Bukarest. „Ich habe auch einen Vater und seinen Sohn hier, zwei Ungarn – dort hat die musikalis­che Aus­bil­dung noch Fam­i­lien­tra­di­tion“, sagt Sahi­ti. So ist sein Orch­ester ein Mix der bei­den Stämme, ein Zusam­men­wirken der Gen­er­a­tio­nen mit Spiel­ern zwis­chen 25 und 60 Jahren, und gle­ichzeit­ig auch ein Zusam­men­tr­e­f­fen der unter­schiedlich­sten Kul­turen. „Sin­ti und Roma leben über­all, in allen Län­dern Europas – und wir haben uns inte­gri­ert“, betont er.
So entwick­eln sich aus den drei- bis viertägi­gen Proben­phasen vor den Konz­erten immer große – „und großar­tige“ – Diskus­sion­srun­den. Da beanspruchen viele die einzig richtige Liszt-Inter­pre­ta­tion für sich, sie gehören schließlich zu seinen gedanklichen Erben – genau­so wie alle anderen im Saal, die aber mitunter einen völ­lig anderen Aus­bil­dungs- und Leben­sh­in­ter­grund haben. „Da sind meist viele Emo­tio­nen im Spiel, hier kommt ganz viel Wis­sen zum Vorschein. Und jede Menge Farbe“, sagt Sahi­ti. Das sei es auch, mit dem die Roma und Sin­ti Phil­har­moniker punk­ten kön­nten: jenes Emo­tions-Plus, jene musikalis­che Far­ben­vielfalt, die eben sie ganz beson­ders inten­siv erweck­en kön­nen. Weil sie eine ganz andere Verbindung zur Musik hät­ten, die sie spie­len, als ein anderes Orch­ester, sagt der Diri­gent.
Das allein führt aber natür­lich nicht zum Erfolg: Auch die Phil­har­moniker brauchen eine mon­etäre Grund­lage. Die Stadt Frank­furt fördert den Vere­in mit kleinen Beträ­gen, eben­so der Zen­tral­rat der Sin­ti und Roma in Deutsch­land, und die Frank­furter Oper stellt bei Bedarf einen Proben­raum zur Ver­fü­gung. „Wir leben mit ger­ing­sten Mit­teln“, sagt Sahi­ti. Er hält sein Orch­ester anson­sten nur mit den Gagen für die Konz­erte am Leben. Und da die Musik­er von wei­ther anreisen, wer­den die Beträge meist eins zu eins in Ben­zin umge­wan­delt: „Oft reichen die Gagen nicht ein­mal für die Spritkosten.“
Die Musik­er kom­men aus Ide­al­is­mus. Weil sie es als große Freude empfind­en, sich mit Gle­ich­gesin­nten auszu­tauschen und etwas auf die Beine zu stellen, erstens. Und weil sie eine Botschaft haben, zweit­ens. Denn die Geschichte ihrer Völk­er ist von zu vie­len dun­klen Stun­den durch­wirkt, als dass sie sie vergessen woll­ten. Oder dürften. Ihr wichtig­stes Pro­jekt im ver­gan­genen Jahr war das Requiem für Auschwitz von Roger Moreno-Rathgeb: Am 3. Mai spiel­ten sie die Urauf­führung in Ams­ter­dam, reis­ten dann damit in die Konz­erthäuser von Budapest, Prag, Frank­furt und Berlin. Das hol­ländis­che Fernse­hen, WDR und Deutsche Welle gehörten zu den zahlre­ichen Medi­en, die die Auf­führung und ihre Bedeu­tung ein­fin­gen.
Das Requiem für Auschwitz ist für Ric­car­do M. Sahi­ti eines jen­er Stücke, mit dem er mehr Poli­tik als Musik machen möchte. „Ich hat­te mich zuvor oft mit Roger Moreno-Rathgeb, einem Sin­ti-Musik­er, getrof­fen. Wir haben über die Par­ti­tur gesprochen, über die Orchestrierung – und über die Geschichte.“ Moreno-Rathgeb habe nach einem Auschwitz-Besuch gespürt, dass unzäh­lige Men­schen noch nicht ihre ewige Ruhe gefun­den haben. „Die Men­schen schreien, aber nie­mand hört sie!“, sagt Ric­car­do M. Sahi­ti. Er gehört selb­st zu jenen, die schreien kön­nten: Er stammt aus einem kleinen Dorf im ehe­ma­li­gen Jugoslaw­ien, im Krieg ver­lor seine Fam­i­lie alles, was sie hat­te. „Mein Vater wurde aus seinem Haus und seinem Land ver­ban­nt, musste alles zurück­lassen, was er sich in 75 Leben­s­jahren geschaf­fen hat­te. Er ist in Rus­s­land gestor­ben, 400 Kilo­me­ter von sein­er Heimat ent­fer­nt.“ Das Werk, so erk­lärt Sahi­ti, soll ein kleines Stück Ver­söh­nung sein: „Denn am Ende soll­ten wir alle verzei­hen. Wir wis­sen näm­lich: Wir wer­den immer wieder Neues schaf­fen.“

Phil­har­monis­ch­er Vere­in der Sin­ti und Roma, Frank­furt am Main e.V., Ric­car­do M. Sahi­ti, Kaiser­straße 64 Haus A, 60329 Frank­furt am Main, Tel. 0178/5522217
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