Anhaltische Philhamonie, 2017

Von der Fürstlichen Hofkapelle zur Anhaltischen Philharmonie

Klingende Dokumente aus 250 Jahren Orchestergeschichte

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Anhaltisches Theater Dessau
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 70

Die Arbeitssi­t­u­a­tion am Anhaltischen The­ater Dessau ist derzeit nicht vergnü­gungss­teuerpflichtig: Man bewältigt die Arbeit mit weit gerin­ger­er Laut­stärke als etwa die Kol­le­gen in Halle an der Saale – und doch schon seit Jahren mit deut­lich reduziertem Per­son­al. Um alle vier Sparten hal­ten zu kön­nen, haben die Mitar­bei­t­en­den nach her­ben Kürzun­gen durch das Land Sach­sen-Anhalt auf einen Teil ihres Lohns verzichtet. Erkrankun­gen reißen tiefe Löch­er in die dünne Per­son­aldecke. Da ist es dur­chaus sin­nvoll, sich und andere an die große Tra­di­tion des Haus­es und seines Orch­esters zu erin­nern.
2016 feierte die Anhaltische Phil­har­monie ihr 250-jähriges Beste­hen und ist damit dien­stäl­testes Orch­ester im Musik­land Sach­sen-Anhalt. Auch wenn – abge­se­hen von Kurt Weill, der Dessau früh ver­ließ – die ganz großen Namen in der Dessauer Musikgeschichte fehlen: Es gab hier bedeu­tende Diri­gen­ten und Kom­pon­is­ten. Das war Grund genug, in der Jubiläumsspielzeit 2016/17 zu jedem Sin­foniekonz­ert eine Rar­ität aus dem eige­nen Haus zu präsen­tieren. Die Konz­erte wur­den mit­geschnit­ten – nun liegt zum erschwinglichen Preis von 8 Euro eine CD mit Werken anhaltisch­er Hofkapellmeis­ter vor, die unter Leitung des jet­zi­gen GMD Markus L. Frank, der Kapellmeis­terin Elisa Gogou und des früheren GMD Antony Her­mus zum Großteil erst­mals aufgenom­men wur­den.
Eine echte Ent­deck­ung auf dieser CD ist zum Beispiel das Klavierkonz­ert A-Dur (1905) von Franz Miko­rey (1873–1947), der im zarten Alter von 29 Jahren ans The­ater kam. Das Werk ist ein vir­tu­os­er Kracher, den Bernd Glemser voll­grif­fig und selb­st­be­wusst präsen­tiert – wun­der­bare Spätro­man­tik mit Ein­flüssen von Liszt, Wag­n­er und Richard Strauss und einem Haupt­the­ma, das an Völk­er, hört die Sig­nale erin­nert. Noch stärk­er chro­ma­tisch aufge­laden ist das erste von drei groß beset­zten Kam­mer­stück­en von Franz von Hoesslin (1920), der Reger-Schüler und Gen­eral­musikdi­rek­tor in der schw­eren Zeit nach dem großen Dessauer The­ater­brand von 1922 war.
Von Heinz Röttger (1909–1977), dem genialen, eigen­willi­gen und auch gegenüber dem SED-Regime stand­haften Diri­gen­ten, ist eine pulsierende Humoreske für Orch­ester (1938) enthal­ten. Und von August Klughardt das her­rliche Cel­lokonz­ert (1894) mit Wolf­gang Emanuel Schmidt. Klughardt, ein großer Wag­n­er-Verehrer, gehört zu den dur­chaus promi­nen­ten Dessauer Kom­pon­is­ten – eben­so wie Friedrich Schnei­der, der auf dieser CD fehlt, weil die Phil­har­monie ihm eine eigene Pro­duk­tion wid­men will. So viel Geschichte war sel­ten: Zu hören ist auch die Ouvertüre zur Oper Bath­men­di des kom­ponieren­den Inten­dan­ten Karl August von Licht­en­stein, uraufge­führt 1798 zur Eröff­nung des Dessauer The­aters – damals eines der größten und prächtig­sten Europas. Und zu Beginn: die Sin­fo­nia aus Friedrich Wil­helm Rusts Kan­tate zur Ein­wei­hung des Wör­l­itzer Schloss­es (1773), das heute frisch ren­oviert glänzt und mit­samt dem Wör­l­itzer Garten­re­ich Weltkul­turerbe ist. Fürst Franz, der Vater des Garten­re­ich­es, und Baumeis­ter Erd­manns­dorff dürften zufrieden gewe­sen sein.
Johannes Kil­lyen