Kehrmann, Boris

Vom Expressionismus zum verordneten “Realistischen Musiktheater”

Walter Felsenstein - Eine dokumentarische Biographie 1901 bis 1951

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Tectum, Marburg 2015
erschienen in: das Orchester 11/2015 , Seite 71

Walter Felsenstein gilt als Inkarnation der Komischen Oper Berlin, sein Name, sein Theater ist Legende. 1975 ist der Wiener Regisseur, der als Vater der Ostberliner Komischen Oper gilt, gestorben. Aber schon zu Lebzeiten wurde er von der DDR verklärt, idolisiert und der staatlichen Kunstdoktrin und -propaganda einverleibt.
Boris Kehrmann geht es in seiner imposanten Doktorarbeit darum, den Regisseur Felsenstein vom Klischee „einer Ikone des DDR-Theaters“ zu befreien. Er stellt akribisch Felsensteins Kindheit, Jugend und Ausbildung, seine familiäre Herkunft, die nationalsozialistisch angehaucht ist, schließlich seine Karriere dar, im jeweils zeithistorischen und künstlerischen Umfeld, ein Spagat zwischen Dokumentation und Biografie, Darstellung von Theatertheorie und -praxis. Niemand hat sich je so gründlich durch zahllose Archive und Zeitungsjahrgänge hindurchgearbeitet wie Kehrmann.
Er zertrümmert denn auch den bis heute zentralen Begriff, der zum Mythos Felsenstein gehört, den des „realistischen Musiktheaters“. Kehrmann zitiert viele Äußerungen Felsensteins, in denen er sich von diesem Begriff distanziert, zeigt aber auch mit der Darstellung seiner Inszenierungen in Lübeck, Mannheim, Beuthen, Basel, Freiburg, Köln, Frankfurt am Main, Hamburg, Zürich und an verschiedenen Theatern Berlins, dass sich Felsensteins Musiktheater mit dem Begriff Realismus nicht beschreiben lässt.
Die Komische Oper schließlich ist für Kehrmann nichts als „ein frommer Betrug“, da Felsenstein nie vorhatte, ein reines Operettenhaus zu gründen und seine Auftraggeber geschickt an der Nase herumgeführt hat, um 1947 ein eigenes Haus für seine ganz anderen Intentionen zu erhalten. Besonders eindrucksvoll sind Kehrmanns Belege dafür, wie Felsenstein sowohl im „Dritten Reich“ als auch in der DDR durch taktischen Opportunismus und List scheinbarer Anpassung sein Ziel einer Reformoper verfolgte und realisierte. Er habe es stets verstanden, „die Rhetorik der Herrschenden für seine Zwecke der Erneuerung des Theaters zu instrumentalisieren“. Die Geschichte der Komischen Oper muss wohl neu geschrieben werden!
Ein Glücksfall sind bisher unbekannte Briefe Walter Felsensteins an seine von der Erbengemeinschaft Felsenstein bis heute totgeschwiegene erste Ehefrau Ellen, geborene Neumann, aus den Jahren 1925 bis 1951.
Die Briefe, die bei Kehrmann zum ersten Mal publiziert werden, wurden dem Autor von Ellen Felsensteins Sohn Peter Brenner überlassen und zeigen eine weitaus vielschichtigere, widersprüchlichere Person Walter Felsenstein als bisher, sein Verhältnis zum Judentum, zur Politik und zum Theater betreffend. Darüber dürften manche Felsensteinianer alles andere als „amused“ sein, zumal Kehrmann viele Felsenstein-Experten, aber auch das renommierte Berliner Felsensteinarchiv gravierender Fehler, falscher Datierungen, ja Unterschlagungen überführt, zu schweigen von ideologischen Zurechtrückungen. Die Publikation leistet die längst überfällige Korrektur des Felsenstein-Bilds.
Dieter David Scholz