Jürgen Schläder

Vision und Tradition

200 Jahre Nationaltheater München: Eine Szenographiegeschichte

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 57

Am Beginn des 19. Jahrhun­derts war das nach Plä­nen von Karl von Fis­ch­er erbaute und nach dem Brand 1823 durch Leo von Klen­ze um die Säu­len­vorhalle erweit­erte Königliche Hof- & Nation­althe­ater zu groß für die Isar-Metro­pole. Mit der Urauf­führung von Fer­di­nand Frän­zls Oper Die Wei­he begann am 12. Okto­ber 1818 die Geschichte eines der bedeu­tend­sten Opern­häuser. Die Entwick­lung auch zur Idee der Fest­spiele zeich­net Jür­gen Schläder anlässlich des Jubiläums „200 Jahre Nation­althe­ater in München“ anhand von Büh­nen­bild­skizzen, Gemälden und Doku­menten nach. Diese erlauben Rückschlüsse auf Abwe­ichun­gen von Inten­tio­nen der Kom­pon­is­ten und Textdichter, fol­gend dem Zeit­geschmack, Ideen der Ausstat­ter und poli­tis­chen Imp­lika­tio­nen.
Nach einem Abriss über die Vorgeschichte, Betrieb­s­for­men und Stück­auswahl seit der zweit­en Hälfte des 18. Jahrhun­derts stellt Schläder die Entwick­lung am Beispiel von sieben Insze­nierun­gen mit Aus­blick auf Rezep­tion und Reper­toire-Präsenz dar. Er begin­nt mit der Zauber­flöte (1818), die bis Ende des 19. Jahrhun­derts ohne große Verän­derun­gen auf dem Spielplan stand. Im Ver­gle­ich der Ausstat­tung mit der Schinkels in Berlin beschreibt Schläder Simon Quaglios dämon­isierende Bild­sprache beim Auftritt der Köni­gin der Nacht und weit­er, dass Quaglios „klas­sis­ches“ Ägypten nur in Ansätzen dem Textbuch Emanuel Schikaned­ers fol­gt.
Anhand der sechs Ölgemälde, auf denen Mar­tin Echter Momente von Richard Wag­n­ers eigen­er Regie der Urauf­führung sein­er Meis­tersinger von Nürn­berg fes­thält, erläutert Schläder Akzen­tu­ierun­gen durch den Maler und Betra­chter. Echter machte die Liebes­beziehung zum the­ma­tis­chen Mit­telpunkt des Zyk­lus, etwa wenn er bei „Beckmessers nächtlichem Ständ­chen“ die in dieser Szene aktiv­en Fig­uren Beckmess­er und Sachs nach hin­ten platzierte und das Paar Wal­ter und Eva in den Fokus rückt.
Schläder analysiert die Büh­nen­bilder zur Münch­n­er Erstauf­führung von Strauss’ Frau ohne Schat­ten kurz nach der Wiener Urauf­führung. Er ver­gle­icht die bei­den Aida-Ausstat­tun­gen von Hel­mut Jür­gens 1948 in der Auswe­ich­spiel­stätte Prinzre­gen­tenthe­ater und zur Wieder­eröff­nungswoche des wieder­aufge­baut­en Nation­althe­aters 1963. Ein Zufall ist, dass sich mit der Ausstat­tung von Georg Baselitz von Par­si­fal 2018 der Band mit einem Come­back der Büh­nen­malerei enden kann.
An diesen Beispie­len wird deut­lich, dass Büh­nen­bild­ner wie die Fam­i­lie Quaglio, Hein­rich Döll, Hel­mut Jür­gens und Jür­gen Rose oft über lange Zeiträume hin­weg in München tätig waren. Sie prägten die Ästhetik des Nation­althe­aters und tru­gen zur Real­isierung des Anspruchs bei, hochkarätige Auf­führun­gen von muster­hafter Qual­ität zu gestal­ten. Die Büh­nen­prax­is bei den Großen Opern, beson­ders gepflegt nach 1830, wird in die Betra­ch­tung ein­be­zo­gen und in ästhetis­che Zusam­men­hänge gestellt, eben­so die Bee­in­flus­sung der Bild­sprachen durch den poli­tis­chen Kurs.
Roland Dippe