Werke von Jean-Marie Leclair, Pietro Antonio Locatelli, Johann Georg Pisendel und anderen

Virtuosissimo

Il pomo d’oro, Ltg. Dmitry Sinkovsky

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naïve
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 66

Oft ist es hil­fre­ich, wenn große Solis­ten ihren eige­nen Hor­i­zont durch ein zweites Stand­bein erweit­ern. Dmit­ry Sinkovsky ist ein aktuelles Beispiel dafür. Natür­lich sind die Spiel­tech­niken und musikalis­chen Fähigkeit­en des rus­sis­chen Geigers über alle Kri­tik erhaben. Den­noch fing er nach seinem Vio­lin­studi­um in Moskau noch ein­mal ganz von vorne an und ließ sich zum Coun­tertenor aus­bilden.
Und damit nicht genug – er hängte noch ein Kapellmeis­ter­studi­um in Zagreb an, streng nach der Devise: „Nur so kann ich meine Aus­bil­dung als Musik­er kom­plet­tieren.“ Inzwis­chen gibt es gar eine Film­pro­duk­tion mit der Arie „Erbarme dich“ aus der Matthäus­pas­sion Johann Sebas­t­ian Bachs, in der er sowohl mit melan­cholisch-tris­ter Attitüde geigt wie gle­ichzeit­ig hin­reißend innig die Alt­par­tie singt.
Auch Sinkovskys neueste CD Vir­tu­o­sis­si­mo ist ein wun­der­bar­er Beweis dafür, dass seine eigene Aus­bil­dungsphiloso­phie aufge­gan­gen ist. Fünf Vio­linkonz­erte aus der Fed­er von Kom­pon­is­ten der Zeit Johann Sebas­t­ian Bachs führt uns der aus der rus­sis­chen Geigen­schule her­vorge­gan­gene Aus­nah­memusik­er vor. Dabei beherrscht er die Solopar­tien mit teils hals­brecherischen Tech­niken eben­so sou­verän wie das geat­mete Gestal­ten von zarten Melodiebö­gen in den langsamen Sätzen. Und so ganz neben­bei führt er ein Ensem­ble an, welch­es sich dem Solopart eben­so unter- wie beiord­net.
„Il pomo d’oro“ spielt in der Stre­icherbe­set­zung 3/3/3/2/1, ergänzt durch Oboen, Fagott, Harfe, The­o­rbe und Cem­ba­lo, und macht alle kapriz­iösen See­len­wan­derun­gen Sinkovskys mit. Ins­beson­dere die langsamen Sätze sind betörend darge­boten. Da wird getupft und gezupft, da wer­den flir­rende Klangflächen zele­bri­ert, an denen man sich kaum satt hören kann. Aber die Musik­er kön­nen auch beherzt zu Werke gehen – mit teils rup­piger Tonge­bung, so wie es Sinkovsky zu Beginn des Locatel­li-Konz­erts vor­ma­cht. Diese so scharf geze­ich­neten Kon­traste machen den beson­deren Reiz des Inter­pre­ta­tion­sansatzes Sinkovskys aus.
Aber auch der Reper­toirew­ert der CD kann nicht hoch genug ange­set­zt wer­den. Die ital­ienis­chen, franzö­sis­chen und deutschen Meis­ter um Bach führen uns ger­adezu ein­dringlich vor, dass die Ton­sprache, der Erfind­ungsre­ich­tum und der ton­set­zerische Wage­mut in der ersten Hälfte des 18. Jahrhun­derts keineswegs ein­heitlich war. Im Gegen­teil – zwis­chen dem Konz­ert des Fran­zosen Leclair und dem des Deutschen Tele­mann liegen manch­mal Wel­ten. Kommt die Musik Leclairs zu Beginn nahezu impres­sion­is­tisch-roman­tisch daher, kann man Tele­manns Stil bei allem Respekt eine gewisse teu­tonis­che Betulichkeit nicht absprechen.
Den­noch ist die Her­aus­gabe der CD mit diesen fünf Vio­linkonz­erten, mit diesem Solis­ten und mit diesem Ensem­ble eine reine Ohren­wei­de. Die Plat­te bietet ein char­mantes Kalei­doskop europäis­ch­er Vir­tu­osität der etwas anderen Art. Es müssen ja nicht immer die „Vier Jahreszeit­en“ von Anto­nio Vival­di sein.
Thomas Krämer