Garth Knox

Violin Spaces

Contemporary violin studies, mit einem Geleitwort von Carolin Widmann

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott Music
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 63

In der Vio­lin­lit­er­atur hat es schon so manch eine Etüde für Fort­geschrit­tene zur „Konz­ertreife“ gebracht. Man denke nur an Nic­colò Pagani­nis 24 Capri­cen, die, zwar kaum als kom­plet­ter Zyk­lus, doch zumin­d­est hin und wieder in Teilen aufge­führt wer­den. Natür­lich waren diese Etü­den in Zeit­en des aufk­om­menden Vir­tu­osen­tums im 19. Jahrhun­dert und in der Folge ent­stande­nen Etü­den oder Stu­di­en sel­ten nur zum Weit­er­en­twick­eln der Tech­nik und zum Üben hin­ter ver­schlosse­nen Türen bes­timmt – im Gegen­teil: Der Titel solch­er Werke wurde im Kon­trast zum extremen Schwierigkeits­grad der Kom­po­si­tio­nen als bewusste Untertrei­bung gewählt.
Ein klein wenig anders liegt der Fall in Garth Knox’ Vio­lin Spaces. Die hin­ter­lassen beim ersten Anblick zwar auch ein leicht­es Schwindel­ge­fühl ob ihrer spiel­tech­nis­chen Anforderun­gen, jedoch sind sie vom Kom­pon­is­ten bewusst so gestal­tet, dass das Üben an und mit ihnen zum weit­eren Erforschen der dargestell­ten Klan­gräume ein­lädt.
Garth Knox ver­rät in sein­er umfan­gre­ichen Ein­führung zu allen acht Spaces aus­führlich, wie er sich die Aus­führung mit Fin­gern und Bogen vorstellt, welche Effek­te durch die jew­eils im Zen­trum ste­hende Tech­nik wie Pizzi­ca­to oder Fla­geo­lett her­vorgerufen wer­den sollen und wie man sich Erweiterun­gen der einzel­nen Stu­di­en vorstellen kön­nte.
Doch damit nicht genug. Im Rah­men seines Webauftritts hat Garth Knox Videos von zwei der acht Vio­lin Spaces mit der Wid­mungsträgerin, der nieder­ländis­chen Geigerin Dia­man­da Dramm, zur Ver­fü­gung gestellt, die aus sein­er Sicht eine pro­to­typ­is­che Auf­führung darstellen und zusät­zlich der über den Noten­text hin­aus­ge­hen­den Inspi­ra­tion dienen sollen. Anre­gun­gen, Inspi­ra­tion und Anweisun­gen genug also, um aus den auf den ersten Blick zunächst etwas sper­rig wirk­enden Übun­gen klangvolle Musik zu machen. Dabei hil­ft im einen oder anderen Fall auch ein außer­musikalis­ch­er Bezug wie der Titel „The Raven“ (nach Edgar Allan Poe) der Num­mer sieben.
Garth Knox, in Irland geboren und selb­st als Bratsch­er vor allem in der Auf­führung zeit­genös­sis­ch­er Musik aktiv, entwirft in seinen Vio­lin Spaces auf großem Raum und mit vie­len Ideen, die schon auch auf Vor­bilder wie Pierre Rode, Eugène Ysaÿe oder George Rochberg hin­deuten, eine Reise in abwech­slungsre­iche, bisweilen schrill schillernde Klang­wel­ten, die einen eben­so „großen“ Zugriff des Inter­pre­ten erfordern. Er muss auf der Geige von Blues bis Folk­lore, von Sin­gen bis Kratzen und von Flöte bis Schlagzeug ein­fach alle musikalis­chen Reg­is­ter ziehen kön­nen.
Daniel Knödler