Britten, Benjamin / Mieczyslaw Weinberg

Violin Concertos

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Challenge Classics CC72627
erschienen in: das Orchester 06/2014 , Seite 72

Der 1919 in Warschau geborene, nach sein­er Flucht vor deutschen Trup­pen in Moskau ansäs­sig gewor­dene Kom­pon­ist Mieczys­law Wein­berg erlebt in den ver­gan­genen Jahren eine erstaunliche Wieder- oder
eher Erstent­deck­ung. Der großen Öffentlichkeit wurde er bekan­nt, als seine Oper Die Pas­sagierin bei den Bre­gen­z­er Fest­spie­len 2010 ihre szenis­che Urauf­führung erlebte. Danach gelangte auch Wein­bergs Idiot 2013 in Mannheim auf die Bühne, und par­al­lel dazu entwick­elte sich das Inter­esse für sein umfan­gre­ich­es Orch­ester- und Kam­mer­musikschaf­fen, von dem vieles inzwis­chen auf Ton­trägern zugänglich ist (s. auch S. 74).
Auf der vor­liegen­den CD kann der Hör­er Bekan­ntschaft mit Wein­bergs Vio­linkonz­ert op. 67 aus dem Jahr 1959 machen, das dem Geiger Leonid Kogan gewid­met wurde. Dmitri Schostakow­itsch, als dessen Schüler sich Wein­berg emp­fand, obwohl er nie direk­ten Unter­richt bei ihm erhal­ten hat­te, zeigte sich damals von dem „fabel­haften Werk“ des jün­geren Kol­le­gen „sehr beein­druckt“. Schostakow­itschs Lob fußt auch auf ein­er Geis­tesver­wandtschaft zwis­chen sein­er eige­nen Musik und der­jeni­gen Wein­bergs, was Let­zterem oft den Vor­wurf einge­tra­gen hat, er sei lediglich ein „zweit­er Schostakow­itsch“. Dieser Vor­wurf ist allerd­ings über­trieben. Beim Anhören von Wein­bergs Vio­linkonz­ert wird man zwar einige Par­al­le­len in der Klang­sprache ent­deck­en, nicht aber Schostakow­itschs Nei­gung zum Sarkastis­chen oder Depres­siv­en.
Das zeigt die Inter­pre­ta­tion von Wein­bergs Konz­ert durch das Deutsche Sym­phonie-Orch­ester Berlin unter Mihkel Küt­son und dem fabel­haften jun­gen Geiger Linus Roth, der nach dem ersten orches­tralen Impuls im rhyth­misch beton­ten Alle­gro-molto-Kopf­satz sofort ener­gisch die Führung übern­immt und aus kurzen Motiv­en allmäh­lich län­gere melodis­che Gestal­ten entste­hen lässt. Wein­bergs Konz­ert hat fra­g­los das Zeug zum Reper­toirestück, nicht nur, was den seine Zuhör­er unmit­tel­bar ansprin­gen­den Kopf­satz bet­rifft, son­dern auch das fol­gende Alle­gret­to von zurück­hal­tender Nach­den­klichkeit, welch­es nach kaden­zar­tigem Monolog des Solis­ten in ein Ada­gio überge­ht, in dem Linus Roth weite san­gliche Bögen span­nt. Eigen­willig ist nur, dass Wein­berg den als fröh­lichen Marsch begin­nen­den Final­satz mit ein­er Antik­li­max enden lässt, wenn der let­zte Dop­pel­griff-Geigen­klang san­ft von den Hörn­ern ver­ab­schiedet wird.
Zweites Werk auf der vor­liegen­den CD ist Ben­jamin Brit­tens Vio­linkonz­ert, 1939 in der kanadis­chen Emi­gra­tion angesichts der dro­hen­den europäis­chen Kriegs­ge­fahr ent­standen. Die Zei­tum­stände haben den Ton­fall der Kom­po­si­tion geprägt. Sie sei „eher ernst, befürchte ich“, äußerte der Kom­pon­ist, den­noch habe sie „Melo­di­en zur Genüge“. Diese Melo­di­en bringt Linus Roth, wo ihm das oft sin­fonisch führende Orch­ester Freiräume eröffnet, zum Leucht­en und Klin­gen: eher diskret und schlank im Ton, doch mit viel Emphase bis hinein in den als Pas­sacaglia gestal­teten Final­satz.
Ger­hard Dietel