Brahms, Johannes / Alban Berg

Violin Concertos

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Virgin Classics 50999 9733962 5
erschienen in: das Orchester 04/2013 , Seite 72

„Don’t judge a book by it’s cov­er.“ Im Fall der neuen CD des Geigers Renaud Capuçon ist aber offen­bar genau dies nahe liegend: Das leicht ver­schwommene sepi­aar­tige Schwarz-Weiß-Porträt des Aus­nah­mevi­o­lin­is­ten spricht eine ver­gan­gene Bild­sprache. Auch inter­pre­ta­torisch suchen Capuçon und sein kon­ge­niales diri­gen­tis­ches Gegenüber, Daniel Hard­ing, den Aus­tausch mit ein­er ver­gan­genen Tra­di­tion. Mit unter­schiedlichen Erfol­gen.
Im Fall des Brahms’schen Konz­erts wählen Capuçon und Hard­ing, auf Augen­höhe agierend, einen kraftvollen, spätro­man­tis­chen, oft­mals ger­adezu brachialen Zugang zum Werk, was sich auch in der Wahl der vir­tu­osen Solokadenz von Fritz Kreisler spiegelt. Capuçon ent­lockt sein­er Guarneri, auf der schon Isaac Stern konz­ertierte, eine ener­gis­che Vir­tu­osität mit einem vollen, strahlen­den Sound und genau aus­tari­ertem bre­it­en Strich, eine Grandez­za und Agilität, die dann in zarten Pianopas­sagen nicht voll­ständig zurückgenom­men wer­den kann. Hard­ing nutzt den Brahms-Instinkt der Wiener Phil­har­moniker und ver­hin­dert – wie etwa zu Beginn des zweit­en Satzes – geschickt ein Zuviel an Sen­ti­ment. Eine Plas­tiz­ität wie in seinen Brahms-Sin­fonie-Ein­spielun­gen mit der Deutschen Kam­mer­phil­har­monie Bre­men ist offen­bar nicht intendiert. Orch­ester­ap­pa­rat und der vor Inten­sität manch­mal fast brechende Geigen­klang Capuçons kooperieren auf dieser Vir­gin-Clas­sics-Auf­nahme sym­bi­o­tisch.
Einen anderen Ansatz sucht Hard­ing mit Bergs Vio­linkonz­ert „Dem Andenken eines Engels“. Das Berg-Konz­ert ist eine CD-Pre­miere für die Wiener Phil­har­moniker. Hard­ing motiviert das Orch­ester zu schweben­den, außer­weltlichen Klän­gen. Auf den sehr dicht­en Klangflächen des Orch­esters blüht Capuçons Geigen­ton lieblich, zart, trau­rig, verzweifelt, immer mit stark­er, ein­deutiger Emo­tion. Seine Spiel­tech­nik taugt tre­ff­sich­er für diese Musik, die 57 Jahre nach Brahms’ Vio­linkonz­ert eben­falls am Wörthersee kom­poniert wurde. Es liegt wohl im so unter­schiedlichen Wesen der bei­den Vio­linkonz­erte, dass sie obwohl in räum­lich­er Nähe ent­standen, doch so sel­ten miteinan­der für CD-Auf­nah­men gekop­pelt wer­den. Fast überdeut­lich klar erklin­gen in Hard­ings Inter­pre­ta­tion die emo­tionalen Kon­traste dieses Requiems für Alma Mahlers Tochter Manon. Wenn im zweit­en Satz des Werks die Kärnt­ner Volk­sweise erneut auf­scheint und vor Zartheit und Schmerz beina­he erstirbt, hat Hard­ing sein Ziel erre­icht: Der „gold­ene Klang“ der Wiener Phil­har­moniker und die Energie des Fran­zosen ver­schmelzen.
Katha­ri­na Hofmann