Werke von Beethoven, Berg und Bartók

Violin Concertos

Frank Peter Zimmermann (Violine), Berliner Philharmoniker, Ltg. Daniel Harding, Kirill Petrenko, Alan Gilbert

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Berliner Philharmoniker Recordings
erschienen in: das Orchester 03/2022 , Seite 70

Mit seinen in Bezug auf klan­gliche Real­isierung, Auf­machung und Book­let extrem hochw­er­ti­gen Veröf­fentlichun­gen hat sich das hau­seigene Label der Berlin­er Phil­har­moniker eine gut gepol­sterte Lücke auf dem Ton­träger­markt erobert. Zumin­d­est teil­weise mag dies der pro­fes­sionellen Machart der Box­en – gestal­tet in ansprechen­dem Farb­de­sign, aus­ges­tat­tet mit opu­len­ten, textlich her­vor­ra­gend gemacht­en Book­lets sowie ergänzt um alter­na­tive Mitschnitte auf DVD und Blu­ray – zu ver­danken sein, mit denen man sich erfol­gre­ich gegen die all­ge­meine Ten­denz zu schlampig edi­tierten CDs stellt. Ein weit­er­er Grund mag sein, dass es sich hier um Fan-Pro­duk­te für die Marke Berlin­er Phil­har­moniker han­delt, mit welchen die inter­na­tionale Klien­tel der Berlin- und Phil­har­moniebe­such­er ange­sprochen wer­den soll. Dies erk­lärt vielle­icht auch, warum der disko­grafis­che Wert so manch­er Veröf­fentlichung sich eher in Gren­zen hält – eine Frage, die sich auch angesichts der vor­liegen­den Zusam­men­stel­lung häu­fig gespiel­ter und auf Ton­trägern präsen­ter Vio­linkonz­erte von Beethoven, Berg und Bartók stellt.
Kein Zweifel: Frank Peter Zim­mer­manns Inter­pre­ta­tio­nen sind makel­los und zeu­gen von einem tiefen Ver­ständ­nis für die Kom­po­si­tio­nen; doch gibt es in der Dig­i­tal Con­cert Hall, aus deren Bestand die Auf­nah­men stam­men, musikalisch viel aufre­gen­dere Pro­duk­tio­nen mit dem Geiger – etwa Konz­erte von Hin­demith, Brit­ten und Mar­t­inů –, die es ver­di­ent hät­ten, weit­er ver­bre­it­et zu wer­den. Trotz­dem kann man die Auf­nah­men natür­lich rund- um genießen und immer­hin auch einige Über­raschun­gen entdecken.
So gewin­nt beispiel­sweise Bergs Konz­ert sehr viel durch Kir­ill Petrenkos Lesart, die stark auf eine Her­ausar­beitung klan­glich charak­ter­is­tis­ch­er Lin­ien­führun­gen set­zt, wodurch der Solist stärk­er als in anderen Ein­spielun­gen als Dialog­part­ner von Orch­ester­solis­ten auftritt und dies auch mit ein­er stel­len­weise sehr zarten Tonge­bung unter­stre­icht. Daniel Hard­ings Inter­pre­ta­tion des Beethoven’schen Vio­linkonz­erts wiederum wartet von Beginn an mit einem schlanken Klang auf, der stel­len­weise kantabel auf­blüht, aber immer wieder auch drama­tis­ches Poten­zial ent­fal­tet. Gegenüber früheren Ein­spielun­gen schlägt Zim­mer­mann hier zügigere Tem­pi an und wirkt zupack­ender im Aus­druck. Das zeigt sich schon zu Beginn, wenn er die von Hard­ing in der Orch­ester­ex­po­si­tion aus­gelegten drama­tis­chen Fäden auf­greift und weiterspinnt.
Alan Gilbert schließlich erweist sich als glück­liche Wahl für die bei­den Bartók’schen Konz­erte: Äußerst gelun­gen ist der Beginn des ersten Konz­erts, wo sich die feinen Orch­ester­fä­den allmäh­lich zum solis­tis­chen Ein­stieg hinzuge­sellen und zu einem lebendi­gen Stim­menge­flecht zusam­men­schließen. Im zweit­en Konz­ert überzeugt Zim­mer­mann dann durch einen stel­len­weise gle­ich­sam „sprechen­den“ Vor­trag, der die Musik wie eine große Erzäh­lung aus atmo­sphärisch miteinan­der ver­schränk­ten Momenten erscheinen lässt.
Ste­fan Drees