Dmitrij Schostakowitsch

Violin Concertos

Alina Ibragimova (Violine), State Academic Symphony Orchestra of Russia, Ltg. Vladimir Jurowski

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hyperion
erschienen in: das Orchester 01/2021 , Seite 72

Ali­na Ibrag­i­mo­va hat sich während der ver­gan­genen einein­halb Jahrzehnte kon­tinuier­lich zen­trale Teile des Vio­lin­reper­toires erar­beit­et und wusste auch mit so manch ungewöhn­lich­er Veröf­fentlichung wie etwa den Vio­linkonz­erten Niko­laij Roslavets zu glänzen. Dass die Geigerin nicht nur die klas­sis­chen und roman­tis­chen Säulen des Reper­toires pflegt, son­dern immer wieder gern auf Werke des 20. Jahrhun­derts zurück­kommt, belegt die aktuelle Schostakow­itsch-Ein­spielung; zugle­ich macht die Pro­duk­tion deut­lich, wo die Stärken und Schwächen von Ibrag­i­movas Vor­trag liegen.
Exzel­lent ist der Beginn des a‑Moll-Konz­erts: Die Solistin formt die Klage des Kopf­satz-Noc­turnos phrasen­weise ab- und anschwellend und schreibt ihrem Vor­trag über die Annäherung an den natür­lichen Atemvor­gang eine nahezu kör­per­liche Wirkung ein. Vladimir Jurows­ki ord­net sich diesem Ein­druck beim Umgang mit dem Orch­ester unter und bleibt zumeist ein­er gedämpften, fahlen Klangge­bung verpflichtet. Diese Far­ben beherrschen auch die an drit­ter Stelle ste­hende Pas­sacaglia, in welch­er der Diri­gent allerd­ings immer wieder die choralar­ti­gen Holzbläsere­in­sprengsel als Kon­traste aufleucht­en lässt und damit der Geigerin Impulse für den zarten, durch vielfache Vibra­toab­stu­fun­gen einge­färbten Gesang gibt. Die musikalis­che wie dynamis­che Verdich­tung des Satzes ist als emo­tionale Achter­bah­n­fahrt erleb­bar, deren let­zte Aus­lo­tung schließlich allein der Solistin in der kom­plex­en Solokadenz vor­be­hal­ten bleibt.
Hier verdeut­licht Ibrag­i­mo­va, zu welch dif­feren­zierten Farb­w­erten sie beim Über­gang vom zurück­hal­tend­sten Piano zur extremen Wild­heit der finalen Burleske fähig ist. Im Scher­zo allerd­ings ver­misst man einen solch pack­enden Zugriff: Gegenüber dem Orch­ester, das mit teils grell geze­ich­neten rhyth­mis­chen Tex­turen das musikalis­che Geschehen vorantreibt, wirkt das Spiel der Geigerin dort allzu brav, erscheinen die Extreme des Vio­lin­parts nicht bis an die Gren­zen aus­gelotet.
Noch deut­lich­er tritt dieses Manko beim zweit­en Vio­linkonz­ert her­vor, dessen häu­fig ins Bizarre abglei­t­en­der Ironie sich Ibrag­i­mo­va zu sehr ver­schließt: Während die Geigerin über weite Streck­en hin­weg einen – facetten­re­ichen und fein gestal­teten – lyrischen Zugang zum Solopart ver­fol­gt, gelangt sie in den Kul­mi­na­tion­spas­sagen des Werks oft nicht über ein eindi­men­sion­ales Forte hin­aus. Sich­er, sie begeg­net den musikalis­chen Steigerun­gen mit ener­gis­chem Ton­fall, rhyth­mis­ch­er Bes­timmtheit und bisweilen sehr ener­getis­chem Spiel, legt zudem bei den tech­nisch knif­fli­gen Pas­sagen eine traumhafte Sicher­heit im Vor­trag von Pas­sagen­werk und Akko­r­den an den Tag. Doch eignet ihrem Vor­trag dort zugle­ich auch etwas Mech­a­nis­ches, das nicht so recht dazu geeignet ist, die groteske Seite der Musik mit Zwis­chen­tö­nen anzure­ich­ern und ihr jenen Biss zu ver­lei­hen, den Jurows­ki immer wieder aus dem Orch­ester her­auskitzelt.
Ste­fan Drees