Igor Strawinsky/Philip Glass

Violin Concertos

David Nebel (Violine), London Symphony Orchestra / Baltic Sea Philharmonic, Ltg. Kristjan Järvi

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical
erschienen in: das Orchester 11/2020 , Seite 69

Der junge Geiger David Nebel kommt aus Zürich, und dies ist, so informiert uns seine Home­page david-nebel.com, seine erste „eigene“ CD. Zuvor hat­te er bere­its auf Veröf­fentlichun­gen der LGT Young Soloists mit­gewirkt; bei Alexan­der Gilman, dem Kün­st­lerischen Leit­er dieses Ensem­bles, hat Nebel studiert. Die Werkauswahl der CD ist recht ungewöhn­lich: keines der roman­tis­chen „Schlachtröss­er“, kein Vival­di, Bach oder Beethoven, son­dern zwei Konz­erte von Kom­pon­is­ten, die man nicht unbe­d­ingt sofort mit dem Klang der Geige in Verbindung bringt: Philip Glass und Igor Straw­in­sky. Für bei­de war zudem das Genre des Vio­linkonz­erts nur bed­ingt erste Wahl – für Glass zumin­d­est insofern, als es sich bei seinem ersten Vio­linkonz­ert (inzwis­chen hat er noch ein zweites geschrieben) zugle­ich um seine erste Kom­po­si­tion für Sin­fonieorch­ester han­delt.
Es liegen bere­its mehrere Ein­spielun­gen dieses knapp halb­stündi­gen Werks vor, doch David Nebel braucht kein­er­lei Konkur­renz zu fürcht­en. Im Gegen­teil: Seine Inter­pre­ta­tion ist dazu ange­tan, Vorurteile gegen Glass’ min­i­mal­is­tis­che Kom­po­si­tion­sweise zu entkräften. Sich­er, es gibt keine herkömm­lichen The­men in dieser Musik, vielmehr die für Glass typ­is­chen Band­schleifen, doch Nebel beweist mit seinem unge­mein sen­si­blen, vari­a­tion­sre­ichen und zudem klang­far­blich inten­siv­en Spiel, wie viel musikalis­ch­er Gehalt aus der schein­bar so sim­plen Ober­fläche zu extrahieren ist, wenn man nur an die Musik hun­dert­prozentig glaubt. So hat der Hör­er am Ende des Konz­erts, das sich mit seinem ruhi­gen Tem­po an den Anfang anlehnt, völ­lig zu Recht das Gefühl, einen Kreis durch­schrit­ten zu haben. Mehr als adäquat begleit­et wird er von Krist­jan Järvi und dem Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra; dass der Orch­ester­part dieses Werks keine Begleitung, son­dern vielmehr eine gle­ich­w­er­tige Ergänzung des Solis­ten darstellt, wird hier opti­mal ver­mit­telt.
Igor Straw­in­sky wollte erst gar kein Vio­linkonz­ert schreiben, da er sich mit den tech­nis­chen Möglichkeit­en der Geige zu wenig ver­traut fühlte. Als er dann doch damit begann, war es sein Ziel, ein Vir­tu­osenkonz­ert zu schreiben, dessen Solopart förm­lich „nach Geige stinken“ sollte. David Nebel bleibt den tech­nis­chen Anforderun­gen dieses Werks denn auch nichts schuldig und wirft sich förm­lich in die bunte Parade ver­schieden­er Stilim­i­ta­tio­nen und Scheinz­i­tate, die in den Eck­sätzen die Musik beherrscht. Keine Spur von trock­en­er Neok­las­sik! Es sind jedoch die bei­den „Aria“ über­schriebe­nen Mit­tel­sätze, die Nebels Inter­pre­ta­tion beson­ders wertvoll machen; hier gibt es Momente, in denen der  Hör­er unwillkür­lich schluck­en muss, weil er einen der­ar­tig tiefen Ernst in dieser Kom­po­si­tion nicht für möglich gehal­ten hätte – Momente, in denen David Nebel ganz zu sich selb­st find­et.
Diese Inter­pre­ta­tion kön­nte Ref­eren­zw­ert für sich beanspruchen, wenn nicht das Orch­ester – anders als in dem Glass-Konz­ert – ten­den­ziell leicht mul­mig und ent­fer­nt abge­bildet wäre. Ein klein­er Wer­mut­stropfen in ein­er anson­sten mitreißen­den Veröf­fentlichung.
Thomas Schulz