Dieter Acker/ Fritz Leitermeyer

Violin Concerto & Violin Concerto op. 21

Ferenc Kiss (Violine), Philharmonia Hungarica, Ltg. Miltiades Caridis; Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Ltg. Christoph Eschenbach

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Bella Musica BM 312467
erschienen in: das Orchester 09/2018 , Seite 80

Die hier veröf­fentlicht­en Mitschnitte von Live-(Erst- und Ur-) Auf­führun­gen doku­men­tieren – offen­bar als Hom­mage zum 75. Geburt­stag des Geigers – ein­drucksvoll die Inter­pre­ta­tion­skun­st von Fer­enc Kiss. 1943 in Budapest geboren, besuchte er die dor­tige Musik-Akademie und studierte in Düs­sel­dorf bei Sán­dor Végh. Spiel­tech­nisch sind sie makel­los, ful­mi­nant, auch draufgän­gerisch im inter­pre­ta­torischen Impe­tus, voller zupack­ender Musikalität in der Artiku­la­tion und Phrasierung.
Vor allem beein­druckt auch in diesen Auf­nah­men das part­ner­schaftliche Musizieren; und es verblüfft, wie sehr Kiss seinen hoch vir­tu­osen, tech­nisch in jed­er Hin­sicht ver­track­ten Solopart dem Orch­ester in diesen zeit­genös­sis­chen Konz­erten anzuschmiegen ver­ste­ht. Er führt das musikalis­che Geschehen wohl an, dominiert es aber keines­falls selb­st­ge­fäl­lig. Kiss wirk­te denn auch nicht nur als 1. Konz­ert­meis­ter etwa im Staat­sthe­ater Saar­brück­en oder bei den Münch­n­er Sym­phonikern, son­dern machte sich auch als Kam­mer­musik­er einen her­vor­ra­gen­den Namen und set­zte sich immer wieder für die zeit­genös­sis­che Musik ein.
Mit solchen Eigen­schaften ver­hil­ft Kiss hier den Konz­erten des Wiener Kom­pon­is­ten Fritz Leit­er­mey­er (1925–2006) und des aus Her­mannstadt stam­menden Dieter Ack­er (1940–2006) zu ein­dringlichen Wirkun­gen. Leit­er­mey­ers Konz­ert von 1962 ste­ht noch fest in der Tra­di­tion der Kam­merkonz­erte der 1920er Jahre mit ihren oft solis­tis­chen Bläser­be­gleitun­gen (so etwa bei Kurt Weill oder Alban Berg), die hier von den Bläsern der Phil­har­mo­nia Hun­gar­i­ca unter Mil­ti­ades Caridis dur­chaus angrif­fi­gro­bust bewältigt wur­den.
Einen Fund, für den man gar nicht genug wer­ben kann, stellt jedoch das 1981 vol­len­dete 1. Vio­linkonz­ert von Dieter Ack­er dar, der übri­gens seit 1976 als Nach­fol­ger von Har­ald Genzmer an der Münch­ner Musikhochschule wirk­te: ein auch in der orches­tralen Tim­brierung unge­mein fan­tasievoll gestal­tetes Meis­ter­w­erk, das keinen Ver­gle­ich mit den Konz­er­twerken aus der Zeit zu scheuen braucht und dem man eine weite Ver­bre­itung und endlich den Ein­gang ins all­ge­meine Reper­toire wün­schen möchte, etwa als Alter­na­tive zum (und das ist nicht zu hoch gegrif­f­en) Berg-Vio­linkonz­ert.
Freilich wird es hier im Mitschnitt der Urauf­führung von 1982 mit der Deutschen Staat­sphil­har­monie Rhein­land-Pfalz unter Christoph Eschen­bach in ein denkbar gün­stiges Licht gerückt. Für die schlech­ter­d­ings beein­druck­ende, frei-tonale Musik vor allem der aus­gedehn­ten „Intro­duzione“ dieses Konz­erts lässt sich kein Gegen­stück find­en.
Diese Auf­nah­men machen also auch nach­drück­lich auf Leit­er­mey­er und vor allem Ack­er aufmerk­sam, deren Musik lei­der allzu sehr ver­nach­läs­sigt wird. Indem Fer­enc Kiss auf diese Weise als Inter­pret für andere warb, möchte man resümieren, warb er zugle­ich auch am besten für sich selb­st.
Gisel­her Schu­bert