Peter Tschaikowsky

Violin Concerto/Souvenir de Florence

Sarah Christian (Violine), Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Ltg. Jérémie Rhorer

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics 0301731BC
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 77

Mit ihrem Debü­tal­bum bei Berlin Clas­sics präsen­tiert Sarah Chris­t­ian kein gerin­geres Werk als Tschaikowskys Vio­linkonz­ert in D‑Dur op. 35, das hier mit der glanzvoll musizieren­den Deutschen Kam­mer­phil­har­monie Bre­men unter der Leitung von Jérémie Rhor­er zu hören ist. Dazu kom­biniert sie Tschaikowskys Sex­tett Sou­venir de Flo­rence. Es ist ihre Absicht, Musik zu präsen­tieren, die Kraft spendet. Tschaikowsky kom­ponierte sein Vio­linkonz­ert sowie Sou­venir de Flo­rence übri­gens auf Kur, als er sich von Depres­sio­nen und Ner­ven­zusam­men­brüchen erholte.
Es war Sarah Chris­t­ian wichtig, ger­ade diese bei­den Stücke im schwieri­gen Jahr 2020 aufzunehmen. Sie möchte bei allen Wider­stän­den und Her­aus­forderun­gen, die es in diesen Zeit­en für Musik­erin­nen und Musik­er gab und gibt, doch etwas Greif­bares, Hör­bares und Pos­i­tives zurück­geben. Hinzu kommt, dass Tschaikowskys Vio­linkonz­ert von keinem Gerin­geren als dem gefürchteten Wiener Musikkri­tik­er Eduard Hanslick gründlich missver­standen wurde. Hanslick meinte, dieses Werk könne einen auf den fürchter­lichen Gedanken brin­gen, ob es nicht auch Musik geben könne, die man stinken hört.
Tschaikowskys so zu Unrecht gescholtenes Vio­linkonz­ert ist kein sel­ten aufgenommenes Werk. Häu­fig wer­den dabei ver­schiedene Fas­sun­gen gespielt. Der ursprüngliche Wid­mungsträger Leopold Auer hielt dieses Werk wegen der „nicht vio­lingemäßen“ Pas­sagen allerd­ings für unspiel­bar. Seine eigene Fas­sung sieht im let­zten Satz Kürzun­gen vor. Sarah Chris­t­ian spielt jedoch die orig­i­nale Ver­sion mit allen von Tschaikowsky vorge­se­henen Noten. Sie präsen­tiert dieses 1878 ent­standene, zunächst heftig abgelehnte Werk mit innerem Feuer und vir­tu­os­er Bravour, die aber nie zur Selb­st­darstel­lung wird. Die mondäne Sphäre des Salons sowie die über­schäu­menden Tem­pera­mentsaus­brüche gehen hier naht­los ineinan­der über.
Es wird deut­lich, wie facetten­re­ich der wech­sel­nde Stim­mungsablauf des ersten Satzes um das The­ma kreist, das immer wieder neu beleuchtet und klan­glich berührt wird. Auch die Seit­en­the­men wer­den ein­prägsam präsen­tiert. So kommt es über mitreißende Steigerun­gen zum hem­mungs­los ent­fes­sel­ten Schluss. Mit träumerisch-schw­er­mütiger Melodie wartet die Andante-Can­zonet­ta des zweit­en Satzes auf, während das wahrhaft über­schäu­mende Finale mit reich vari­ierten The­men, funkel­nden Far­ben und tanzfro­hen rus­sis­chen Melo­di­en fes­selt und fasziniert.
Ganz in der Tra­di­tion von Johannes Brahms ste­ht das heit­ere Stre­ich­sex­tett in d‑Moll op. 70 Sou­venir de Flo­rence, in dem der Kom­pon­ist rus­sis­che Volk­sliedthe­matik mit kun­stvoller Kon­tra­punk­tik im spätro­man­tis­chen Stil verknüpft hat. Es ste­ht in reizvoll-dezen­tem Kon­trast zum eher bom­bastis­chen Vio­linkonz­ert. Sarah Chris­t­ian musiziert hier höchst sen­si­bel und fein­nervig mit Wen Xiao Zheng (Vio­la), Jano Lis­boa (Vio­la), Johannes Strake (Vio­line), Max­i­m­il­ian Hor­nung (Vio­lon­cel­lo) und Jan-Erik Gustafs­son (Vio­lon­cel­lo).
Alexan­der Walther