Sergei Prokofiev

Violin Concerto Nr. 1 William Walton, Viola Concerto Ralph Vaughan Williams, The Lark Ascending

Isabelle van Keulen (Violine/Viola), NDR Radiophilharmonie, Ltg. Andrew Manze/Keri-Lynn Wilson/ Andrew Litton

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Challenge
erschienen in: das Orchester 06/2019 , Seite 69

Schon seit Langem ist Isabelle van Keulen erfol­gre­ich als Geigerin und als Bratschistin unter­wegs. Im Bere­ich der Kam­mer­musik ist die Nieder­län­derin immer wieder am Bratschen­pult anzutr­e­f­fen. Von hoch gewach­sen­er Statur, scheint sie für die größere Vio­la ger­adezu prädes­tiniert zu sein. Es gibt nicht viele Inter­pre­ten, die regelmäßig bei­de Instru­mente im Konz­ert spie­len. Promi­nente Geiger der Ver­gan­gen­heit wie David Ois­tra­ch oder Josef Suk waren immer wieder als Bratschis­ten zu hören. Pin­chas Zuk­er­man machte sich seine ganze Kar­riere hin­durch ger­adezu einen Spaß daraus, im sel­ben Konz­ert schnell die Geige mit der Vio­la zu tauschen, ohne jemals Anpas­sung­sprob­leme erken­nen zu lassen.
Isabelle von Keulen ist hier als sou­veräne Solistin im Vio­lakonz­ert von William Wal­ton zu hören, das dem britis­chen Bratschis­ten Lionel Ter­tis gewid­met ist. Dieser lehnte jedoch die Urauf­führung ab und bedauerte dies dann sehr: Er rev­i­dierte später seine Mei­n­ung und spielte das Konz­ert doch noch. Solist der Urauf­führung unter der Leitung des Kom­pon­is­ten im Jahre 1929 war Paul Hin­demith. Heute ist Wal­tons Vio­lakonz­ert ein vielge­spieltes Stan­dard­w­erk. Isabelle van Keulen nähert sich Wal­ton mit roman­tis­chem Ton. Mit Ruhe und ein­er gewis­sen Gelassen­heit singt sie die kantablen Lin­ien großzügig aus. Den zweit­en Satz, ein Scher­zo, lässt sie aufleben und mobil­isiert hier mitreißen­des Tem­pera­ment und pack­enden Dri­ve, von dem auch der dritte Satz prof­i­tiert.
Wal­ton war ein großer Bewun­der­er von Prokofievs erstem Vio­linkonz­ert: Es diente ihm als Vor­bild für die ungewöhn­liche Satz­folge langsam-schnell-langsam. Die Kop­plung der Werke, die zunächst ungewöhn­lich erscheint, macht also Sinn. Prokofiews op. 19 lebt von genialer melodis­ch­er Erfind­ung, das furiose Scher­zo in der Mitte sprüht vor Witz und Vital­ität. Isabelle van Keulen lässt Prokofievs Melo­di­en feinsin­nig erblühen, gle­ich zu Beginn des ersten Satzes. Dem Scher­zo gibt sie den nöti­gen Esprit und vor allem auch spielerische Leichtigkeit.
Ralph Vaugh­an Williams’ poet­is­che Miniatur The Lark Ascend­ing schillert far­ben­re­ich, van Keulen gestal­tet hier äußerst klangdif­feren­ziert, vielle­icht ins­ge­samt etwas zu kle­ingliedrig. Deut­lich anders jeden­falls als der junge Pin­chas Zuk­er­man, der das Stück in sein­er frühen Auf­nahme aus den 1970er Jahren mit dem Eng­lish Cham­ber Orches­tra ein­fach genial inter­pretierte, indem er es unter einen großen Bogen nahm und ganz auf einen süf­fi­gen, ver­schwen­derischen Ton set­zte, um sich dann melo­di­enselig davon tra­gen zu lassen.
Die Auf­nah­men mit der NDR Radio­phil­har­monie ent­standen unter der Leitung von drei ver­schiede­nen Diri­gen­ten: Andrew Manze, Keri-Lynn Wil­son und Andrew Lit­ton. Das ist ungewöhn­lich für eine CD-Pro­duk­tion, aber auch reizvoll. Sie alle sind der Solistin jeden­falls kom­pe­tente Part­ner.
Nor­bert Hornig