Shostakovich, Dmitri / Gubaidulina, Sofia

Violin Concerto No. 1 op. 77 / In tempus praesens

Simone Lamsma (Violine), Netherlands Radio Philharmonic Orchestra, Ltg. James Gaffigan

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Challenge CC72681
erschienen in: das Orchester 09/2017 , Seite 76

In Fachkreisen hochgelobt, ist die 31-jährige nieder­ländis­che Geigerin Simone Lams­ma zumin­d­est in Deutsch­land, was ihren Bekan­ntheits­grad ange­ht, bis­lang noch nicht in die erste Rei­he vorgestoßen.
Nach dieser SACD dürfte sich das ändern, denn sie offen­bart hier eine starke und ungewöhn­liche kün­st­lerische Iden­tität. Das 1. Vio­linkonz­ert von Dmitri Shostakow­itsch spielte sie erst­mals öffentlich im Jahr 2009, gemein­sam mit der Nieder­ländis­chen Radio­phil­har­monie, damals unter der Leitung von Jaap van Zwe­den. Eben dieses Orch­ester begleit­et sie nun auf der vor­liegen­den Ein­spielung; dies­mal ste­ht der Amerikan­er James Gaffi­gan am Pult. Es emp­fiehlt sich, Lams­mas Inter­pre­ta­tion gle­ich mehrmals hin­tere­inan­der zu studieren, denn beim ersten Hören mag man sich über die Zurück­hal­tung wun­dern, mit der die Geigerin den ersten Satz des Werks ange­ht. Lams­ma kul­tiviert einen sehr feinen, fil­igra­nen Ton, der sich anfangs – und auch über weite Streck­en des Satzes – kaum über das Orch­ester erhebt. Das hat Meth­ode und ergibt auch dur­chaus Sinn – nicht nur auf­grund des ohne­hin intro­vertierten Charak­ters der Musik.
Solistin und Orch­ester agieren als gle­ich­berechtigte Part­ner, somit der ins­ge­samt eher sin­fonis­chen Anlage des Konz­erts gerecht wer­dend. Dass Lams­ma aber dur­chaus auch zupack­en kann, zeigt sich im anschließen­den Scher­zo, das die Geigerin mit genau der passenden Por­tion Sarkas­mus, gepaart mit uner­bit­tlich­er rhyth­mis­ch­er Präg­nanz, zum Leben erweckt.
Wiederum anfangs sehr reserviert, dann aber immer lei­den­schaftlich­er wer­dend, ins­ge­samt eher med­i­ta­tiv als ankla­gend gibt Simone Lams­ma der Pas­sacaglia Gestalt, bevor sie dann in der Kadenz ihre gan­ze Meis­ter­schaft ent­fal­tet – tadel­los in Phrasierung, Into­na­tion und Gestal­tung der rhyth­mis­chen Ele­mente, sich gegen Ende fast bis zur Rase­rei steigernd. Ihre Inter­pre­ta­tion bleibt auch in der abschließen­den Burleske hochsou­verän, vielle­icht nicht so voll­blütig wie die des Wid­mungsträgers David Ois­tra­ch, dafür die Bal­ance hal­tend zwis­chen struk­tureller Über­sicht, sen­si­bler klan­glich­er Gestal­tung und bis­siger Attacke. Vom Orch­ester wird sie dabei mustergültig unter­stützt: Das klan­gliche Geflecht ist adäquat aufge­fächert, dankenswert­er­weise mit Aufmerk­samkeit für die wichti­gen Klang­far­ben von Harfe, Celes­ta und Tam­tam im Kopf­satz. Lei­der neigt der Klang in den Tut­ti-Pas­sagen von Scher­zo und Finale ein wenig zum Verk­lumpen.
Zum hohen Wert der SACD trägt auch die Kop­plung bei: nicht etwa ein weit­eres Reper­toirestück, son­dern Sofia Gubaiduli­nas Vio­linkonz­ert In tem­pus prae­sens, bere­its 2011 live aufgenom­men unter Rein­bert de Leeuw. Das Anne-Sophie Mut­ter zugeeignete Werk fordert, ohne sich avant­gardis­tis­ch­er Spiel­tech­niken zu bedi­enen, von der Solistin ein Höch­st­maß an Gestal­tungskraft und Ste­hver­mö­gen, da ihr über die 35-minütige Spiel­d­auer kaum Luft zum Ver­weilen gelassen wird. Simone Lams­ma meis­tert auch diese inter­pre­ta­torische Her­aus­forderung mit Bravour.
Thomas Schulz