Wynton Marsalis

Violin Concerto/Fiddle Dance Suite

Nicola Benedetti (Violine), The Philadelphia Orchestra, Ltg. Cristian Mǎcelaru

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Decca/Universal
erschienen in: das Orchester 12/2019 , Seite 68

Es ist ein aufre­gen­des neues Stück“, lobte Lennox MacKen­zie, 1. Geiger des Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra, nach der Uraufführung Wyn­ton Marsalis’ Vio­linkonz­ert. „Ich denke, es ist eine große Ergänzung zum Reper­toire der Vio­linkonz­erte. Ich bin sich­er, es wird den Test der Zeit überstehen.“ Große Worte. Auch in der Ver­sion des Philadel­phia Orches­tra ist Wyn­ton Marsalis’ Vio­linkonz­ert ein pack­endes Werk, das die euro-amerikanis­che Tra­di­tion mit der afro-amerikanis­chen verbindet.
Marsalis (*1961) zählt als Leit­er eigen­er Jaz­zfor­ma­tio­nen und des Jazz At Lin­coln Cen­ter Orches­tra sowie der Jaz­z­abteilung am Lin­coln Cen­ter zu den bedeu­tend­sten Jazzmusik­ern der Gegen­wart. Bere­its seit den 1990ern beschäftigen ihn die Klänge der Sym­phonieorch­ester. Nach­dem er in den etwa einstündigen Werken Blues Sym­pho­ny, Swing Sym­pho­ny und Jun­gle den Klang von Big­band und Orch­ester ver­schmolzen hat­te, verzichtet er im Vio­linkonz­ert völlig auf die Jazzmusik­er. Um dem Werk gerecht zu wer­den, ließ sich die schot­tis­che Geigerin Nico­la Benedet­ti – bar jeglich­er Jazzer­fahrun­gen – die Übersetzung der tra­di­tionell notierten Noten in blue­sori­en­tierte Glis­san­di, Dehnun­gen und das Spiel mit eth­nis­chen Rhyth­men erklären. Mit Erfolg. Ihr Spiel bringt die Kul­turkreise zusam­men.
Der erste, „Rhap­sody“ überschriebene Konz­ert­satz wan­delt sich vom roman­tis­chen Traum zur bedrohlichen Klangkulisse mit stampfend­en Kontrabässen und ein­er spitz, scharf und kla­gend gegen die bedrohliche Stim­mung ankämpfenden Geige, die schließlich grandios über einem Schmuse­orch­ester schwebend alles Böse vergessen lässt. Im „Ron­do Bur­lesque“ tanzen die Geigentöne mit immenser Far­ben­pracht über kraftvollen Orchestereinwürfen, bevor sie sich zu einem atem­ber­auben­den Geigen­so­lo mit Anklängen an Jazz, Mar­di Gras, also die Musik­tra­di­tion aus Marsalis’ Geburtsstadt New Orleans, auflösen. Der dritte Satz „Blues“ ver­wick­elt die Geige in einen vom Flirt, Bezirzen und orgiastis­ch­er Vere­ini­gung bis zum Katzen­jam­mer reichen­den Dia­log mit dem Orch­ester. „Hoo­te­nan­ny“, eine emo­tion­s­ge­ladene Klang­par­ty voll von ungestümen Orchestereinwürfen und Fid­dle-Par­forcerit­ten, krönt das Konz­ert.
Mit dieser Kom­po­si­tion set­zt Wyn­ton Marsalis fort, was Igor Straw­in­sky, George Gersh­win und Aaron Cop­land begonnen hat­ten: die Fusion von Kun­st- und Volksmusik. Mit einem Unter­schied: Marsalis kommt von der Jaz­z­seite. Seine Kom­po­si­tion lässt die Tra­di­tion von Blues, Spir­i­tu­al, afro-kuban­is­chen Rhyth­men und – ein wichtiger Hin­weis auf eine weit­ere Wurzel der amerikanis­chen Musik – irischen Tänzen nicht nur ahnen. Sie ist von ihr durch­drun­gen.
In ihren ersten Gesprächen zur Zusam­me­nar­beit hat­te sich Nico­la Benedet­ti von Marsalis nur ein Solostück gewünscht. Sie hat es erhal­ten. Die fünfsätzige Fid­dle Dance Suite For Solo Vio­lin ist mit Anspielun­gen auf die Jigs und Reels, Lul­labys, Spir­i­tu­als, Geigen- und Fid­dle­tra­di­tion gespickt. Als vir­tu­ose Her­aus­forderung könnten die Sätze im Zugaben­reper­toire lan­den.
Wern­er Stiefele